Carlyle
London
* 4 London.(spr. karleil), Thomas, bedeutender engl. Historiker, geb. zu Ecclefechan in der schottischen Grafschaft Dumfries als der Sohn eines nicht unbemittelten Pachters, bezog im Alter von 14 Jahren die Universität Edinburg [* 2] und widmete sich hier, da er in der Theologie keine Befriedigung fand, insbesondere dem Studium der Mathematik und der Sprachen, vorzüglich der deutschen Sprache [* 3] und Litteratur. Nach Beendigung seiner Studien sah er sich zur Annahme spärlich bezahlter Lehrerstellungen erst in Schottland, dann in London [* 4] genötigt, bis ihn eine in jeder Beziehung glückliche Heirat in den Stand setzte, erst auf einem kleinen Landgut in Schottland, seit 1833 aber in Chelsea bei London ganz der Litteratur zu leben.
Außer mehreren Übersetzungen mathematischer Werke hatte er schon seit 1823 an
Sir
David
Brewsters »Edinburgh Encyclopaedia«
und an der »Edinburgh
Review« mitgearbeitet, insbesondere
Essays über
Montesquieu,
Montaigne,
Nelson, die
beiden
Pitt und über
Goethes
»Faust« veröffentlicht. Die neuere
deutsche Litteratur nahm ihn damals ganz gefangen, und niemand
mehr als Carlyle
hat dazu beigetragen, ihre Kenntnis den Engländern zu vermitteln. Im Zeitraum weniger Jahre publizierte
er eine Übersetzung von
Goethes
»Wilhelm
Meister«: »William
Meister's apprenticeship« (Edinb. 1825, 3 Bde.),
eine Biographie Schillers: »Life of Schiller, an examination of his works« (Lond. 1825),
Carmagnola
* 6 Seite 3.814. und eine Auswahl von Übersetzungen
aus
Goethe,
Fouqué,
Tieck,
Musäus,
Jean Paul,
Hoffmann u. a. mit kritischen und biographischen
Einleitungen unter dem
Titel:
»German
romances« (Edinb. 1827, 4 Bde.)
sowie ein große Anzahl kleinerer
Aufsätze, z. B. über
Werner,
Novalis, den Briefwechsel
Goethes mit
Schiller,
Heine, das
Nibelungenlied etc., die später mit andern in der Sammlung seiner
»Essays« (5 Bde.) vereinigt sind. Durch diese
Schriften war Carlyle
zu
Goethe in Beziehungen getreten; ein Briefwechsel zwischen beiden ward angeknüpft,
Goethe selbst
leitet die 1830 in
Frankfurt
[* 5] erschienene deutsche Übersetzung der
Schiller-Biographie ein, und der junge englische
Gelehrte
blieb sein lebenlang ein begeisterter Verehrer des
Weimarer Dichterfürsten. Die nächste größere
¶
mehr
Schrift Carlyles
, die zuerst in »Fraser's Magazine« veröffentlicht wurde, führt den wunderlichen Titel: »Sartor resartus, or
life and opinions of Herr Teufelsdroeckh« (deutsch von Fischer, Leipz. 1882);
sie ist offenbar unter dem Einfluß Jean Pauls entstanden und wendet sich mit schonungsloser Härte gegen die Gebrechen der Zeit.
Größere Wirkung hatte
das erste umfangreiche historische Werk Carlyles
, seine glänzend und hinreißend geschriebene Geschichte der französischen
Revolution (»The French revolution, a history«, Lond.
1837, 3 Bde.; deutsch von Feddersen, Leipz.
1844, 3 Bde.),
die freilich ebenso wie der 1839 erschienene Essay über den »Chartismus« (s. d.) in der Form vielfach barock
erscheint und einen einseitigen Maßstab
[* 7] an die Betrachtung der Dinge legt, aber wie dieser voll Geist und
Gedankentiefe ist. In den Jahren 1837-40 hielt Carlyle
in London mehrere Vortragscyklen, von denen eine Serie, die Vorträge über
»Helden, Heldenverehrung und Heldentum in der Geschichte« (»On heroes,
hero-worship and the heroic in history«, Lond. 1846; deutsch von Neuberg,
Berl. 1853), gedruckt wurde.
Aus diesen vor einem kleinen, aber begeisterten Auditorium gehaltenen Vorträgen erkennt man deutlich die Weltanschauung und
das politische System Carlyles.
Er stellt darin fünf Typen des Heldentums auf: den Propheten (Mohammed), den Dichter (Dante und
Shakespeare), den Priester (Luther und Knox), den Schriftsteller (Johnson, Rousseau, Burns), den Herrscher (Cromwell
und Napoleon), und aufs nachdrückliche tritt er für das Recht des Genius ein, die Welt zu gestalten. 1845 erschien das bedeutendste
historische Werk Carlyles
, seine Biographie Cromwells (»Letters and speeches of Oliver Cromwell«, Lond. 1845, 5 Bde.),
welches zum erstenmal, einer neuen Auffassung Bahn brechend, die ganze Größe des puritanischen Feldherrn
und Staatsmanns kennen gelehrt hat.
Geschichtskarten von D
* 8 Deutschland.
Minder hervorragend, wenn auch auf den umfangreichsten, in Deutschland
[* 8] selbst gemachten Studien beruhend ist die Geschichte
Friedrichs II. (»The history of Friedrich II., called Frederick the Great«, Lond. 1858-1865, 6 Bde.;
deutsch von Neuberg und Althaus, Berl. 1858-69); die Wunderlichkeiten des Stils überwuchern hier, wie
man mit Recht bemerkt hat, beinahe die Gabe malerischer Darstellung. Zu den besten in englischer Sprache geschriebenen Biographien
gehört »The life of John Sterling« (Lond. 1851); die letzten historischen Arbeiten, die Carlyle
veröffentlicht hat, sind Essays
über die ältere Geschichte Norwegens und John Knox (»The early kings of Norway and an essay on the portraits
of John Knox«, das. 1875). Inzwischen hatte Carlyle
, der seiner politischen Gesinnung nach ein eifriger Konservativer war, immer aber,
unbekümmert um herrschende Strömungen und populäre Richtungen, aufs energischte und rückhaltloseste mit seiner Meinung
hervortrat, sich wiederholt mit Tagesfragen beschäftigt. Sein Buch »The past and the present« (Lond. 1845)
ist eine leidenschaftliche Bekämpfung der Hohlheit und Lüge der modernen Gesellschaft, angeknüpft an ein Tagebuch eines Mönches
aus dem 12. Jahrh);
seine »Latterday-pamphlets« (das. 1850),
unter dem Eindruck der Revolution von 1848 entstandene Weissagungen vom jüngsten Tag, verfolgen ähnliche Tendenzen. 1867 bekämpfte er unter dem seltsamen Titel: »Shooting Niagara - and after?« die Agitation für demokratische Parlamentsreform;
Deutschland. Fluß- und
* 9 Deutschlands.1871 trat er in seinen »Letters on the war between Germany and France« gegen die in England herrschende Strömung auf das entschiedenste für das Recht Deutschlands [* 9] gegen Frankreich ein;
endlich veröffentlichte er noch während der orientalischen Wirren eine Streitschrift zu gunsten Rußlands, wie denn der gewöhnlich Gladstone zugeschriebene Ausdruck »the unspeakable Turk« in Wirklichkeit von ihm herrührt.
Ohne jemals im vulgären Sinn des Worts populär zu sein, hat doch kein neuerer Schriftsteller auf die Litteratur, vielleicht
auf die ganze geistige Entwickelung seines Vaterlandes so sehr eingewirkt wie Carlyle
, und wenigstens in seinem
höhern Alter wurde der Kreis
[* 10] geistig hochstehender Verehrer, die bewundernd zu dem Greis von Chelsea hinaufschauten, größer
und größer. 1865 ward er als Nachfolger Gladstones gegen Disraeli zum Rektor der Universität Edinburg erwählt; 1875 wurde
in England zur Feier seines 80. Geburtstags eine goldene Medaille geprägt, und die Koryphäen der Litteratur,
Darwin, Forster, Hooker, Max Müller, Tennyson, begrüßten ihn durch eine Adresse, während ihm aus Deutschland eine andre Adresse,
unterzeichnet unter andern von Droysen, Gneist und seinem Altersgenossen Leopold v. Ranke, übersandt wurde. Er starb in
London als der allgemein betrauerte Nestor der englischen Schriftstellerwelt.
Eine Gesamtausgabe der Werke Carlyles
erschien in 37 Bänden (Lond. 1872-74). Anthologien aus seinen Schriften sind wiederholt
herausgegeben, so von Ballantyne (Lond. 1870), von Barrel (New York 1876), von Williamson (»Carlyle's
birthday book«, Lond.
1879). Eine deutsche Ausgabe ausgewählter Schriften besorgte Kretzschmar (Leipz. 1855-56, 6 Bde.);
Goldkörner aus seinen Werken, verbunden mit einem Lebensbild, veröffentlichte E. Oswald (Leipz. 1882). Aus seinem Nachlaß
gab J. A. ^[James Anthony] Froude »Reminiscences« heraus (Lond. 1881, 2 Bde.),
Lebensbilder seines Vaters, seiner Gattin, seines Jugendfreundes Edw. Irving und dreier schriftstellerischer Zeitgenossen (Lord
Jeffrey, Southey, Wordsworth), die viel Anstoß erregten und wohl besser nicht veröffentlicht wären. Aus
der großen Zahl der Schriften über Carlyle
heben wir hervor: Hood, Thomas Carlyle
, philosophic thinker (Lond. 1875);
Fischer, Thomas Carlyle
(Leipz.
1881);
Shepherd, Memoirs of the life and writings of Thomas Carlyle
(Lond. 1881, 2 Bde.);
Froude, Th. a history of the first forty years of his life (das. 1882, 2 Bde.);
Masson, Carlyle
personally and in his writings (das. 1885).