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Ein Herz für Klassiker: Alien Nation

von Reinhard Prahl am Sonntag, 13. März 2022 10:00 Uhr

Mit der Serie Alien Nation schuf Kenneth Johnson eine Copshow mit starken Science-Fiction-Einflüssen, die zwar nur ein Jahr überdauerte, aber einen so nachhaltigen Einfluss ausübte, dass Ende der 90er Jahre nicht nur fünf TV-Filme entstanden, sondern auch immer wieder Gerüchte eines Remakes die Runde machen. Wir blicken zurück.

Der Plot

Im Jahr 1991 notlandet in der Mohave-Wüste ein Raumschiff mit 250000 Alien-Sklaven an Bord. Niemand weiß, woher die Außerirdischen stammen, oder wohin sie wollten. Kurz nach der Landung wird das Schiff zerstört, also gibt es für sie keine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren. Nach einer endlos erscheinenden Quarantänephase werden die Newcomer in L.A. angesiedelt, wo schnell ein neues Ghetto, Slagtown, entsteht. Die Slags sind bei den Menschen wenig beliebt, doch sie verfügen über den Vorteil einer überlegenen Stärke und Intelligenz, die es einigen von ihnen ermöglicht, sich problemlos anzupassen. So steigen sie schnell in gute Positionen, z.B. als Ärzte, Biologen oder auch Polizisten, auf.

Einer dieser Aufsteiger ist der Polizist Detective George Francisco, der mit seiner Frau, seiner kleinen Tochter und einem pubertierenden Sohn in einer der besseren Gegenden von Los Angeles wohnt. Er wird der Partner von Matthew Sikes, der kurz zuvor in einem Feuergefecht mit einer „Slag-Bande“ seinen Partner und Freund verloren hatte. Naturgemäß tut sich Sykes schwer mit seinem neuen Kollegen und so kommt es zu einigen Schwierigkeiten.

Als jedoch eine Puristenvereinigung immer stärker wird, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Georges Kind nicht einschulen zu lassen, greift der engagierte Detective beherzt ein und gewinnt, ob er will oder nicht, das Herz der Familie Franciso. Kaum ist jedoch so etwas wie eine beginnende Freundschaft entstanden, machen Gerüchte die Runde, dass sich einige Slags in eine Art Rieseninsekt verwandeln und Menschen töten, um sie zu fressen. Die Geschichte wird immer brisanter, als eine Abstimmung darüber, ob die Newcomer in Zukunft wählen dürfen, kurz bevorsteht. Sykes und Francisco riechen ein Komplott und müssen den Fall schnell lösen. Denn die Emotionen kochen hoch und die Übergriffe auf Aliens häufen sich dramatisch.

Kurz, aber komplex

Es ist erstaunlich, wie komplex Fernsehserien sein können, auch wenn Sie nur eine Staffel lang Bestand hatten. Die Serie „Alien Nation“ von 1989 ist so ein Fall. Die kahlköpfigen und gefleckten „Newcomer“, die von den Menschen nur verächtlich „Slags“ genannt wurden, gehören womöglich zu den am besten entwickelten Aliens der Serienlandschaft der 80er und frühen 90er Jahre. Alles fing mit dem recht erfolgreichen Kinofilm „Alien Nation“ („Space Cop L. A. 1991“) aus dem Jahr 1988 an. Im Kinofilm, der im Nachhinein tatsächlich nur als Basisgerüst für die Show galt, spielten noch James Caan („The Godfather“) als Matthew Sykes und Mandy Patinkin (Homeland) als Sam Francisco die Hauptrollen.

In der Pilot-Doppelfolge der Serie gibt es dann einen Rückblick, in dem der eigentliche Hauptdarsteller kurzerhand herausgeschnitten und dafür eigens mit dem neuen Star, Gary Graham (Star Trek: Enterprise), neu gedrehte Sequenzen eingefügt wurden. Serienerfinder Kenneth Johnson hatte seit Jahren einschlägige Genre-Erfahrung gesammelt. Zusammen mit Glen A. Larson war er maßgeblich an Serien wie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“ und „Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau“ beteiligt, aber auch der Ideengeber von „Der unglaubliche Hulk“ und „V - die außerirdischen Besucher kommen“. Nun wagte er sich an eine Kinoadaption.

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Das World-building

Die Grundzüge der Slags waren im Film schon vorhanden, die Spezies blieb insgesamt aufgrund ihres nur rudimentären Backgrounds aber recht blass. Johnson nahm sich dieses Mankos an und dachte sich davon ausgehend eine komplexe Kultur beginnend mit einer Sprache mit Klicklauten (ähnlichen den Buschleuten in Südafrika) aus. Als weitere Inspirationsquellen dienten rückwärts gesprochenes Englisch und Russisch. Die Außerirdischen sahen ferner abgesehen von ihren etwas seltsam geformten Kahlköpfen, ihren Ohren und den Flecken, die bis zur Schulter reichen, fast wie ganz normale Menschen aus. Die an den sehr viel später entstandenen „District 9“ erinnernde Geschichte, dass die Aliens in einem riesigen Raumschiff auf der Erde strandeten, blieb weitgehend erhalten.

Wie sich herausstellte, waren die Newcomer Sklaven in ihrer Welt und eigens für ihre schwere und komplexe Arbeit genetisch designt worden. Daher schienen sie den Menschen körperlich und mental weit überlegen. Sie verfügten über wesentlich mehr Kraft, die Wahrnehmungsfähigkeiten waren in allen Bereichen weiterentwickelt und sie konnten sich nahezu jeder Atmosphäre anpassen. Zum Leidwesen ihrer irdischen Gastgeber waren sie zudem auch noch wesentlich intelligenter. Einige Jahre verbrachten sie in Quarantäne, bis sie sich in Los Angeles ansiedeln durften. Dort entstand schnell ein Ghetto, aus dem es allerdings mehr und mehr Newcomer aufgrund ihrer herausragenden Fähigkeiten hinaus schafften.

Running Gags

Einige kleine, aber feine Running Gags lockerten die zahlreichen Trümpfe der Außerirdischen auf. Als immer für eine humoristische Einlage gut erwiesen sich beispielsweise die eklatanten Unterschiede in der Nahrungsaufnahme. Die Aliens vertrugen keine gekochte Nahrung und liebten stattdessen rohes Biberfleisch und vergorene Milch, die eine ähnliche Wirkung wie Alkohol auf ihren Organismus hatte. Auch die ständigen kommunikativen Missverständnisse verbaler und nonverbaler Natur zwischen Sykes und Francisco waren durchaus unterhaltsam geschrieben. Wenn George zum Beispiel stark blinzelte, weil er erkältet war, sorgte das mehr als einmal für Ärger, weil die Menschen um ihn herum sich auf den Arm genommen fühlten. Von derartigen mehr oder weniger offensichtlichen Anspielungen wimmelte es in „Alien Nation“ geradezu.

Tief geschürft

Ein weiterer schlichter, aber doch stimmiger Einfall diente Kenneth Johnson als Achillesferse der Slags. Das im Überfluss auf der Erde vorhandene Salzwasser zersetzte die Körper der Aliens in einem ähnlichen Ausmaß wie Salzsäure den menschlichen Organismus. Hinzu kamen religiöse Elemente, die für einen noch tieferen Background sorgten. Die meisten Newcomer folgten der Lehre von „Andarco und Celine“ einem jungen Paar, dass es laut Legende wider aller Umstände auf mystische Art und Weise geschafft hatte, die Freiheit zu erlangen. Andere hingen einer eher inneren Philosophie nach, die sich an buddhistischen Idealen anlehnte. Aus heutiger Sicht mag einiges davon vielleicht banal und wie aus der Zeit gefallen wirken.

Aufgrund der zahlreichen, teils feinen, Unterschiede zwischen Menschen und Slags schufen die Macher aber nicht nur eine dichte, sondern auch nachvollziehbare Atmosphäre. Um einen adäquaten Antagonisten einführen, erdachte Kenneth Johnson außerdem die „Aufseher“, die nach der Bruchlandung des Raumschiffs untertauchten und starke Kontakte zur Unterwelt pflegten. Die beiden Helden Matthew Sykes (hervorragend gespielt von Gary Graham) und Detective George Francisco (die Rolle war Schauspieler Eric Pierpoint wie auf den Leib geschrieben), bekamen es immer wieder mit diesen skrupellosen Verbrechern zu tun, die nichts unversucht ließen, ihre althergebrachte Macht über die Newcomer zurückzuerlangen. So gab es etwa eine stark abhängig machende Alien-Droge, eine Krankheit, die nur Newcomer befiel, oder auch ein Gas, das im Raumschiff versprüht wurde, um die 250000 Sklaven gefügig zu halten.

Wenige Special Effects und trotzdem sehenswert

Das oben angeführte Worldbuilding vermochte es erstaunlich gut, die Tatsache auszugleichen, dass die Serie insgesamt relativ wenige Genre-typische Special Effects bot. Im Kern handelte es sich um eine Copshow, die auf der Erde des Jahres 1991 spielte. Erst in den später gedrehten Filmen gab es einige, teils sehenswerte Weltraum- und Raumschiff-Sequenzen. Was an Schauwerten fehlte, glichen die Macher allerdings durch die hervorragend etablierten Narrative, politische Statements, tolle Schauspieler und interessante Props aus.

So bereitete es große Freude, Georges Familie dabei zu beobachten, wie sie versuchten, sich in einer der besseren Gegenden von Los Angeles ein normales Leben aufzubauen. Um das Thema Rassenhass immer wieder in den Fokus zu rücken, gab es im ersten Teil der leider einzigen Staffel eine Puristenvereinigung, die den Aliens das Recht auf ein anständiges Leben absprach. Auf diese Weise fasste Johnson immer wieder heiße Eisen an.

Das Ende und der Neuanfang

Trotz aller positiven Aspekte wurde „Alien Nation“ nach nur einer Staffel abgesetzt. Das frühzeitige Ende lag weniger in schlechten Einschaltquoten begründet. Im Gegenteil zählte die Serie zu den wenigen Erfolgen, die FOX im Jahrgang 1989 bis 1990 verbuchen konnte. Allerdings war das Network finanziell ins Schlingern geraten, unter anderem, aufgrund von zu wenigen Einnahmen durch Werbeverträge.

Die daraus resultierende Finanzkrise führte zur Absage für eine zweite Staffel, obwohl das Produktionsteam aufgrund diverser Signale seitens der Chefetage zuvor fest davon ausgegangen war, dass die Show verlängert werden würde. Aus diesem Grund hatte man Season eins mit einem Cliffhanger enden lassen, der erst später in einem Roman und Comic wieder aufgenommen wurde. Für die TV-Serie fiel der Vorhang, allerdings nur bis 1993. Inzwischen hatten die Verantwortlichen erkannt, dass es eine viel größere Fangemeinde gab, als man dachte. Zahlreiche Fan-Aktionen, Wiederholungs- und Wiederaufnahmewünsche, sowie hervorragende Einschaltquoten während der Wiederholungen sorgten dafür, dass die Serie 1994 mit einem 90-minütigen Spielfilm wieder ins Leben zurückkehrte. Von 1994 bis 1997 entstanden so fünf Fernsehfilme in folgender Reihenfolge:

1994: „Alien Nation: Dark Horizon

1995: „Body and Soul

1996: „Millennium

1996: „The Enemy within

1997: „The Udara Legacy

Sie führen den Erzählstrang zu einem vernünftigen Ende, so dass man den Newcomern beruhigt Lebewohl sagen konnte.

Nachwort

In den folgenden Jahren machten immer wieder Gerüchte eines Revivals die Runde. 2009 verkündete Syfy (damals noch als Sci-Fi Channel), dass eine Neu-Adaption mit Tim Minear (Firefly) als federführenden Autor in Arbeit sei. 2014 verabschiedete man sich allerdings von dem Projekt, noch bevor es in die heiße Phase ging. 2015 erschien im THR ein Bericht, dass ein Kino-Remake mit den „Iron Man“-Autoren Art Marcum und Matt Holloway in Arbeit sei. Nach der Übernahme von Fox durch Disney schien der Traum endgültig ausgeträumt, doch ein Funken Hoffnung gibt es noch. Eventuell lässt sich Disney doch noch darauf ein, eine neue TV-Serie für das Disney+-Label Star zu produzieren. Ob und wenn was dabei herauskommt, wird die Zeit zeigen. Immerhin: Die Konkurrenz ist stark und die großen VoD-Anbieter sind immer auf der Suche nach dem nächsten „Exclusive“. So gesehen erscheint alles möglich.

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