5. Innsbrucker Gespräche zur Schulentwicklung 2026
Gedanken zum Tagungsthema – Kurzinterviews mit Teilnehmenden
„Wie viel Freiraum verträgt Verbindlichkeit?“
Vom 23. bis 24. April 2026 verwandelte sich die Pädagogische Hochschule Tirol in Innsbruck erneut in einen lebendigen Denkraum. Die 5. Innsbrucker Gespräche zur Schulentwicklung versammelten wieder engagierte Akteurinnen und Akteure aus Bayern, Südtirol und Tirol – Menschen, für die Schulentwicklung weit mehr als nur eine Pflicht, sondern ein Herzensanliegen ist.
Das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Struktur
Das diesjährige Leitthema traf den Nerv der Zeit: „Wie viel Freiraum verträgt Verbindlichkeit?“ In einem intensiven, länderübergreifenden Austausch wurde diskutiert, wie pädagogische Gestaltungsmöglichkeiten und notwendige strukturelle Leitplanken in Einklang gebracht werden können, ohne sich gegenseitig auszuschließen.
Impulse, die zum Nachdenken anregten
Die Keynotes lieferten das theoretische Fundament für unsere Gespräche:
Prof.in Dr.in Bettina Hannover beleuchtete das Dreieck aus „Verbindlichkeit, Vertrauen und Verantwortung“. Sie machte deutlich, dass Verbindlichkeit keine Einbahnstraße ist. Ein Wandel in der gesellschaftlichen Werteorientierung sowie veränderte Erziehungspraktiken haben die Erwartungshaltung an Schule und Elternhaus verschoben. Ihre zentrale Botschaft: Verbindlichkeit blüht dort auf, wo Schule als fair, transparent und vertrauenswürdig erlebt wird – und wo alle Beteiligten Verantwortung für das gemeinsame Ziel übernehmen.
Rektorin Nicola Küppers nahm uns mit in die Praxis. An ihrem Beispiel der „Grundschule am Dichterviertel“ zeigte sie, wie Transformation zu einem lernenden System gelingt. Ihr Credo: „Beziehung, Vertrauen und Ermöglichung“ sind der fruchtbare Boden, auf dem auch klare „Guardrails“ (Leitplanken) und Verbindlichkeiten gedeihen müssen, um Schulentwicklung nachhaltig und agil zu steuern.
„Aus dem Nähkästchen“: Die Kunst, gemeinsam zu malen
In den Kurzimpulsen wurde Schulentwicklung aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet – von der Metapher der Schule als Boot, das einen „Skipper“ braucht, bis hin zum Bild der Schule als Leinwand, die man nur gemeinsam „bemalen“ kann. Die Kernaussagen der Teilnehmenden waren eindeutig:
Vertrauen ist das Fundament: Ohne Vertrauen wird jede Regel zum Zwang.
Verantwortung braucht Klarheit: Wenn Eltern und Schule ihre Rollen konstruktiv teilen, gewinnt das Kind.
Wagen trotz Rahmen: Rahmenvorgaben sollten nicht als Hindernis, sondern als Raum für mutige, datengestützte Unterrichtsentwicklung begriffen werden.
Ein Fazit für den Schulalltag
Verbindlichkeit ist kein starrer Zwang, sondern eine Gelingensvoraussetzung für Bildung. Sie entfaltet ihre volle Kraft erst, wenn sie in ein System aus gegenseitigem Vertrauen eingebettet ist. Die Tagung hat uns ermutigt: Nutzen wir den „Freiraum im Rahmen“ aktiv! Durch partizipative Prozesse können wir ein nachhaltiges Commitment erzeugen – bei Lehrkräften, Schülerschaft, Eltern und der Schulaufsicht.
Wir danken allen Teilnehmenden für zwei Tage voller Inspiration, intensiver Debatten und wertvoller Begegnungen. Nehmen wir den Schwung mit, um unsere Schulentwicklungsbilder weiter gemeinsam zu malen!
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen bei den nächsten Schulentwicklungsgesprächen in München: 22.–23. April 2027
Impressionen zur Tagung finden Sie im folgenden Video.
Rückblick auf die Innsbrucker Gespräche zur Schulentwicklung 2023
Illustriertes Protokoll zur Tagung am 20. April 2023
Mitten in den Bergen
Mitten in den Bergen starteten die Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer in zwei Tage Impulse und Gespräche rund um das Thema „Grenzen“.
Zitat Klaus Schneider (Pädagogische Hochschule Tirol):
Wir schauen mit gelingendem Blick auf Grenzen - mit dem Blick des Möglichen: Was geht trotz, gerade wegen der Grenzen?
Grenzen & Erkenntnistriade
Als roter Faden, der die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema über zwei Tage hin begleitete, diente die Erkenntnistriade „wahrnehmen – denken – handeln“.
Grußworte
Regine Mathies (Rektorin der Pädagogischen Hochschule Tirol), Gertrud Verdorfer (Direktorin der Pädagogischen Abteilung, Deutsche Bildungsdirektion Bozen) und Anselm Räde (Direktor des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung München) begrüßten die Tagungsgäste u. a. mit persönlichen Grenz-Assoziationen:
R. Mathies: „Wer mit Grenzen umgeht, lernt Handlungsspielräume auszuloten.“
G. Verdorfer: „Wer trotz Grenzen handlungsfähig sein möchte, weiß, dass Fragenstellen und Austausch wichtig sind.“
A. Räde: „Wer Grenzen erkennt, kann an Grenzverschiebungen arbeiten und dabei erkannt man evtl., wie furchtbar es wäre, wenn es keine Grenzen gäbe!“
Vor Grenzen stehen – mit Grenzen umgehen
PD Dr. med. Dr. phil. Alfried Längle (Wien) unternahm eine gedankliche Reise, die das Problem, aber gerade auch den Wert von Grenzen beleuchtete. Gedanken, Zitate aus dem Vortrag:
Es gibt so viele Grenzen, Grenzen der Erschöpfung, der Sättigung, einer Oberfläche – aber was ist der Inhalt?
Es gehört zur Kunst des Lebens, auf das Bild zu schauen und nicht auf den Rahmen!
Grenzen treten auf als ... Chance, Behinderung, Last, Schutz, Entlastung, etwas Verschiebbares oder etwas, das erkannt, benannt, akzeptiert oder auch abgelehnt werden kann / muss.
Wo Grenzen sind, endet etwas Altes und etwas Neues beginnt. ... etwas anderes ist nun dran!
„Ich kann das nicht!“ Vielleicht steckt dahinter kein Problem, sondern eine Erkenntnis von Sättigung. Damit stellt sich die Frage: Wovon bin ich satt?
Denk- & Gesprächsräume
Mit welchen „Grenzen“ setze ich mich derzeit in meinem Berufsfeld auseinander? Welche Impulse hat der Vortrag mir gegeben, mit diesen Grenzen konstruktiv umzugehen? Und: Was könnte ich dazu beitragen, um in einem Grenzbereich einen Handlungsspielraum zu gestalten?
Nach dem Impulsvortrag lernten sich die Tagungsgäste gegenseitig kennen, indem sie sich zu diesen drei Fragen in drei Gesprächsrunden intensiv austauschen konnten.
Impulse aus der Praxis
Der Nachmittag des ersten Tages gehörte Praxisbeispielen und anschließenden Denkräumen mit den Referentinnen und Referenten zu drei Themen:
- Sigrun Falkensteiner und Gustav Tschenett berichteten von ihren Erfahrungen zu gutem Unterricht an der inklusiven Schule;
- Georg Schlamp zeigte, dass Künstliche Intelligenz in der Schule nicht zu einem KO durch KI, sondern einem Aha-Erlebnis führen kann;
- Christina Nigg beleuchtete Herausforderungen und Handlungsoptionen in der Schulentwicklungsberatung.
Dancing with Limitations
„Man soll dem Körper etwas Gutes bereiten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen“ (Winston Churchill)
Der zweite Tag näherte sich den „Grenzen“ aus dem Blickwinkel der Embodied Cognitive Science. Erik Winter, Trainer für Embodiment, ließ die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre persönlichen Grenzen in praktischen Übungen erfahren und miteinander reflektieren:
Wie fühlt es sich an, mit „seinem“ Thema, das eine Herausforderung, vielleicht sogar Grenze darstellt, im Raum spazieren zu gehen? Kann man es abgeben, vermisst man es, was macht das Loslassen mit einem? Die Dynamik der Übung war für alle im Raum deutlich spürbar!
Trotzdem ... und JETZT gerade deswegen
Nach erneuten Austauschrunden in länderinternen Denkräumen endete die Tagung am Nachmittag des zweiten Tages. Nun heißt es vom Wahrnehmen und Denken ins Handeln zu kommen und die Impulse aus der Tagung in die Bildungslandschaft zu tragen.
Die Wolken waren verschwunden und die Sonne strahlte zum Tagungsende bereits aus Richtung Bayern. Ein Zeichen für 2024, denn die Länderkooperation geht in eine zweite Runde. Als Gastgeber begrüßt dann das Institut für Schulqualität und Bildungsforschung zu den „Münchner Gesprächen zur Schulentwicklung“.