"Strategisch wählen" ist als Konzept schon grundsätzlich Mist. Allerdings macht die Kampagne diesmal wenigstens einen im Grunde sinnvollen Vorschlag.
Der wichtige Punkt bei der Wahl in ST ist, dass die Grünen und die sPD überhaupt in den Landtag einziehen. Derzeit liegen nur AfD, CDU und Linke sicher über der Sperrklausel, die Grünen und BSW sind knapp drunter und die sPD zittert bei 6%. Mit dem derzeitigen Wahltrend fehlt der AfD genau ein Sitz zur absoluten Mehrheit:
Wenn nur AfD, CDU und Linke einziehen, sähe der Landtag etwa so aus:
Wenn aber die Grünen doch einziehen, dann verkleinern sich die übrigen Fraktionen und der sogenannte demokratische Flügel des Parlament bekommt mehr Luft zum Atmen. Es bräuchte aber dennoch eine Koalition von allen gegen die AfD:
Hier rächt sich das Argument vom "stabilen Parlament", mit dem die Fünf-Prozent-Hürde immer gerechtfertigt wird. Denn alle Stimmen, die so verloren gehen, vergrößern effektiv die Fraktionen, die den Einzug schaffen. Je weniger Vielfalt im Parlament herrscht, umso weniger Stimmanteil reicht am Ende für eine absolute Mehrheit der Sitze.
Das Sinnvollste, was man als Wähler machen kann, ist aber immer noch: Das wählen, was man auch wählen will. Leihstimmen f ür die Grünen von Linken-Anhängern helfen zwar in puncto Sperrklausel. Auf der anderen Seite gibt es aber auch etliche, die ihr Kreuz lieber bei einer Partei machen, die sicher einzieht, damit sie ihre Stimme nicht verschwenden. Im dümmsten Fall reichen die Leihstimmen am Ende nicht und verkleinern nur die Fraktionen von sPD und PDL. Damit wäre die dünne Mehrheit für Schwarz-Rot-Rot möglicherweise wieder dahin.
Die Union macht sogar aktiv Wahlkampf damit, dass es ein Zweikampf wird, um Leute zu animieren, gegen ihre Überzeugung Union zu wählen (was völliger Unfug ist). Doch leider funktioniert sowas. Hier in Thüringen haben 2024 mehr als die Hälfte der Unionswähler angegeben, "nur deshalb CDU gewählt zu haben, um die AfD zu verhindern". Stimmen aus dem bisherigen Regierungslager wanderten also zum vermeintlichen kleineren Übel. Statt einer dritten Runde Rot-Rot-Grün haben wir so die Brombeere bekommen – und die Grünen sind gleich ganz aus dem Landtag geflogen.
Noch ein Beispiel: Bei der Bundestagswahl haben mir Dutzende gesagt, dass sie die Linke strategisch nicht wählen, weil die eh keine Chance habe. Am Ende lag sie bei fast 9%, und kurz danach in Umfragen bei 11. Hätten die Leute damals nicht Angst gehabt, ihre Stimme zu verschwenden, wäre es gut möglich, dass es für BlackRot nicht gereicht hätte und die Grünen mit in die Regierung hätten kommen müssen.
Und hier komm ich zurück zu meinem ersten Satz: Strategisch wählen ist Unfug. Bei der Wahl in Thüringen hat die Kampagne selbst noch in fast allen Wahlkreisen zur Wahl der CDU geraten. Haben auch viele strategisch Wählende gemacht, wie die Nachwahlbefragung zeigte. Das Konzept führt insgesamt dazu, dass sich Stimmen auf die Großen konzentrieren, auf Kosten der Kleinen – und dass einander nahestehende Parteien sich gegenseitig auch noch kleiner machen.
Ohnehin hofft die CDU insgeheim auf eine absolute Mehrheit für Siegmund. Dann kann sie es sich in der Opposition bequem machen, während die AfD all ihre feuchten Träume in Erfüllung gehen lässt. Und wenn sie danach wieder übernehmen sollte, dann kann sie fein sagen, immer dagegen gwesen zu sein. Reicht es aber nicht für die AfD, dann muss sich eine ganz große Koalition aus allen gegen die Blauen bilden. Ein Szenario, in dem absolut alle diesseits der Brandmauer verlieren.