Abstract
Was haben die Pazifist*innen der „ersten“ Generation erreicht? Wenig. War der „kalte“ Krieg wirklich ein kalter? Vom „Kalten Krieg“ zu sprechen und zu schreiben, erscheint mir doch zu borniert zu sein. Eine solche Benennung folgt einer „westlichen“ Semantik, mit der die Leiden der zahlreichen Opfer der sogenannten Stellvertreterkriege ignoriert und vergessen gemacht werden. Und wie verhält es sich mit der brutalen russischen „Spezialoperation“ in der Ukraine? Es ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg. Russland ist der Aggressor. Edgar Morin fragt 2023 besorgt: „Wird die Verschärfung des internationalen Kriegs innerhalb der Ukraine über die Grenzen des Landes hinaustreiben, wird der Krieg nach Europa überschwappen und sogar über Europa hinausgehen?“ Ist der Ukrainekrieg die Fortsetzung eines Stellvertreterkrieges mit anderen Mitteln? Und was leistet der Pazifismus heute? Hat der Pazifismus versagt und ist er angesichts des russischen Angriffskrieges obsolet geworden? Vielleicht ist der Pazifismus nicht nur das schlechte Gewissen jener, die aus Chauvinismus und Borniertheit ihre Macht missbrauchen, um die Differenzen zwischen Arm und Reich, zwischen den Geschlechtern, zwischen dem Globalen Süden und dem Westen, zwischen den Kulturen, Nationen und sozialen Gemeinschaften aus Profitgründen zu vergrößern, sondern auch ein „Humanismus in Aktion“, ein Humanismus des „aufrechten Ganges“ in Verhältnissen, in denen Freiheit, Gleichheit und Solidarität noch erkämpft werden müssen. Es ist aber auch nicht immer leicht, eine einheitliche Meinung zu Angriffskrieg und Verteidigungskrieg zu haben; vor allem dann nicht, wenn man das Banner des Pazifismus hochhalten möchte.