Abstract
Drei Jahre nach „Against Method“ legte Paul Feyerabend mit „Science in a Free Society” noch einmal nach. Nun forderte er nicht nur einen wissenschaftlichen Pluralismus, sondern die „Gleichberechtigung aller Traditionen“ in einer Gesellschaft. Um die Quintessenz seiner Argumentationen in „Erkenntnis für freie Menschen“ auf einen Punkt zu bringen, formuliert Feyerabend das Schlagwort „Bürgerinitiativen statt Philosophie“ und einige Seiten später „Bürgerinitiativen statt Erkenntnistheorie“. Die Bürger eines Landstrichs, einer Stadt oder eines Dorfes und nicht ahnungslose Intellektuelle sollen in einer freien Gesellschaft über den Wert und den Gebrauch von Ideen, Theorien und Traditionen entscheiden. Was passiert aber, wenn die Bürgerinnen und Bürger selbst in ihren Traditionen verhaftet sind, dass sie quasi nicht über die Grenzen ihrer selbst geschaffenen und tradierten soziokulturellen Konstruktionen hinauskönnen und in ihren, wie man heute sagen würde, gruppenspezifischen Echokammern die Bezugssysteme für ihre Initiativen zu suchen meinen? Derartige Grenzüberschreitungen schweben ja auch Feyerabend vor. Rationales Forschen sei oft nur vorübergehend von Nutzen und die „Tradition(en) des weißen Mannes“ können keine universelle Richtschnur sein. Zuviel Unheil haben diese Traditionen in die Welt gebracht. Die von den weißen Männern (und Frauen) proklamierten „[…] demokratische(n) Prinzipien so, wie sie heute praktiziert werden, sind unvereinbar mit der ungestörten Existenz, Entwicklung, mit dem ungestörten Wachstum spezieller Kulturen“.