Charles Tournemire, L'Orgue Mystique
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Erfahren Sie mehr über dieses monumentale Werk und seinen kulturgeschichtlichen Hintergrund in dem fundierten und inhaltsreichen Essay „L’Orgue mystique: Charles Tournemire und der Gregorianische Choral“ von Prof. Dr. Stefan Klöckner → pdf
Herzlichen Dank an Herrn Klöckner für die Erlaubnis zur Veröffentlichung
Die Geburt von L'Orgue Mystique aus dem Geiste der Liturgie
Damals, vor ziemlich genau 100 Jahren, als Tournemire L’Orgue Mystique schrieb und Frankreich noch katholisch war, war die Messe ein mystisch-spirituelles Gesamtkunstwerk aus heiligen Texten und rituellen Handlungen. aus Architektur und Musik, das selbst olfaktorische Elemente nicht ausschloss; ein Gesamtkunstwerk, das die ganze Spanne der Entwicklung des Menschengeschlechtes umfasste, von der archaischen Ausrichtung des Priesters zum Aufgang der Sonne, über die fast magische Transsubstantiation der Opfergaben und uralte, kulturübergreifende, mythischen Erzählungen bis hin zur sublimen Schönheit spätantiker Prosa und hochmittelalterlicher Lyrik in Orationen und Hymnen; behaust in gotischen Kathedralen – uralte Lichtmetaphorik in Stein gegossen und zugleich Sternstunden der Ingenieurskunst – und durch mehr als ein Jahrtausend alte Gesänge zu klanglich-mystischer Transzendenz erhoben, einer Musik, die wie nichts anderes die Einheit von Kunst und Religion, von Kultus und Kultur verkörpert, die Keimzelle aller abendländischer Musik.
Dieser transzendenzdurchwebte Kosmos war das Substrat in dem Tournemire seine Tage verbrachte. Er hat an diesem Zeit und Raum und Welt umspannenden aedificium weitergearbeitet, ist Teil von ihm geworden. In der Genese seines opus magnum vollzieht er in nuce, exemplarisch, künstlerisch und ganz konkret das Erblühen der abendländischen Kultur aus dem Geiste der katholischen Liturgie nach. Das Opus ist Emanation, Manifestation dieses Geistes, Fleisch, nein Musik gewordener Logos und zugleich eine höherdimensionale Entfaltung der frei schwingenden Girlanden des Gregorianischen Chorals.
Klang
Tournemires Einfallsreichtum, seine Fantasie, die schier unglaubliche Vielfalt subtilster Varianten (atmo)sphärischer Stimmungen ist gerade angesichts der durch die liturgische Bestimmung gegebenen Beschränkung nicht hoch genug zu schätzen. Man hat gesagt, die Musik Tournemires sei eher poetisch als mystisch. Der ursprüngliche Titel war L’Orgue Glorieux, und oft scheint Tournemire eher das Mysterium tremendum zu evozieren als das feine Säuseln des Windes im Dornbusch. Poetisch, mystisch, glorieux, zart und schrecklich – das alles eingebettet in einen mystisch-sinnlich-transzendeten Klangraum: mit diesen Begriffen kommt man der Musik Tournemires schon recht nahe.
Der Ausgangspunkt für die Komposition dieses gewaltigen Zyklus war für Tournemire, wie bereits erwähnt, die Mystik der katholischen Liturgie, die sich ihm in differenzierten Klangvorstellungen manifestiert, die sich ihrerseits – noch vor der erste Ton komponiert ist – in raffinierten Registrierungsanweisungen konkretisieren. Erst nach Abschluss der Komposition lässt Tournemire seine Cavaillé-Coll-Orgel, die er von seinem verehrten Lehrer César Franck übernommen hat, um zehn Register erweitern, um wenigstens einen Teil ( bei weitem nicht alle ) seiner klanglichen Visionen verwirklichen zu können.
Wenn ich mich nun, basierend auf einer genauen Analyse der Registrierungsvorschriften in L’Orgue Mystique, für eine virtuelle Orgel entschieden habe, so führe ich damit nur Tournemires idealistische Herangehensweise konsequent weiter, um zu verwirklichen, was er sich erträumte.
Doch gehen wir zunächst einen Schritt zurück zu den historischen Gegebenheiten:
Die Orgel
Charles Tournemire war von 1898 bis zu seinem Tod im Jahr 1939 Organiste titulaire an der 1859 von Aristide Cavaillé-Coll erbauten Orgel von Ste. Clotilde in Paris. Hier die ursprüngliche Disposition: https://orgue-clotilde-paris.info/uk/index_htm_files/1859.pdf.
Nach umfangreichen Vorarbeiten komponierte Charles Tournemire von 1927 bis 1932 sein Opus Magnum L’Orgue Mystique. Die 1665 Seiten umfassende Originalhandschrift der Pariser Nationalbibliothek scheint als Vorlage für den Druck gedient zu haben. Der Notentext und die sorgfältigen Eintragungen in rötlich-violetter Tinte entsprechen, abgesehen von vereinzelten Flüchtigkeitsfehlern, der gedruckten Partitur. Sie können dieses Autograph, Seite für Seite, auf meinen YouTube-Videos mitlesen.
Was auffällt, sind die Myriaden von äusserst differenzierten Angaben zu Registrierung und Schwellerbehandlung. Der Registrierstil, der sich hierin offenbart, greift nur gelegentlich auf die französisch-romantische Registrierpraxis zurück, die auf den jeux de fonds basiert und durch die jeux d’anches ergänzt wird. Vielmehr reflektiert er den zeitgenössischen Wandel der Klangästhetik. So macht Tournemire ausgiebig Gebrauch von Mixturen und Aliquoten und schreckt auch vor exotischen Registrierungen wie Flûte 4 · Nasard 2 ⅔ ( ohne 8’-Register ) oder Gambe 8 · Octavin 2 nicht zurück.
Von entscheidender Bedeutung allerdings ist Folgendes: Ganz offensichtlich müssen alle Manuale schwellbar sein. Wenn jedoch alle Manuale espressifs sind, wie es im Französischen heisst, wäre es ästhetisch unbefriedigend, wenn das Pedal starr bliebe. Zumindest eine Stelle, im Offertoire von Ascension ( → Video No. 23 ab 2:08 ), belegt zweifelsfrei, dass sich Tournemire auch ein schwellbares Pedal wünschte.
Nota bene: Zum Zeitpunkt der Komposition von L’Orgue Mystique befand sich die Orgel von Ste. Clotilde noch in ihrem ursprünglichen Zustand. Tournemire konnte also so gut wie nichts von seinen Visionen realisieren. Erst nach Vollendung der Komposition liess Tournemire seine Orgel um zehn Register erweitern ( https://orgue-clotilde-paris.info/uk/index_htm_files/1933.pdf · https://orgue-clotilde-paris.info/uk/orgues-d.htm ).
Eine sorgfältige Bestandsaufnahme der Registrierungsanweisungen in L’Orgue Mystique lässt Tournemires Ideal einer Orgel deutlich erkennen. Doch der Teufel steckt im Detail: Steht die Gambe im Hauptwerk und das Salicional im Positiv oder ist es genau umgekehrt ? Gehört das Quintaton 16 ins Positif oder ins Récit ? Um die beste Lösung für die Realisierung des Ideals zu finden, ist ein genaues Studium jeder einzelnen Stelle notwendig, beispielsweise hinsichtlich der Frage, welche Register gleichzeitig in den anderen Manualen verlangt werden. In einem Fall, der immer wieder zu Diskussionen geführt hat, ist die Situation allerdings eindeutig: Die Clarinette gehört ins Positiv ( obwohl Tournemire sie 1933 vom Positiv ins Récit setzen liess ).
Damit sind wir bei einem weiteren Punkt, der sorgfältige Beachtung verdient: die Rolle des Positif. Die ausgiebigen Solostellen des Positif, begleitet vom Récit, deuten auf ein Werk hin, das sich prominent im Raum entfaltet, eventuell ein ( schwellbares ! ) Rückpositiv. Oft verwendet Tournemire jedoch das Positif als zweites oder erweitertes Récit. Erst eine viermanualige Orgel ( mit fünf Schwellwerken ) bietet eine befriedigende Lösung.
Doch wo wäre eine solche Orgel in actu zu finden ? Und wenn sie gefunden wäre, hätte man genügend Zeit, um ein so umfangreiches Werk mit der gebotenen Sorgfalt aufzunehmen ? Die naheliegende Lösung des Problems ist, Tournemires virtuelle Orgel virtuell zu realisieren.
In der Hauptwerk–Community erfreut sich das Sample-Set der Cavaillé-Coll-Orgel von St. Etienne in Caen, die von 1882 bis 1885 erbaut wurde, grosser Beliebtheit. Das Instrument ist etwas grösser als das, das Tournemire in Ste. Clotilde zur Verfügung stand und umfasst sogar einige der Register, die Tournemire erst 1933 einbauen liess. Darüber hinaus hat Sonus Paradisi vier weitere Register hinzugefügt, die ebenfalls in Tournemires Erweiterung von 1933 enthalten sind.
Noch bevor ich zu Hauptwerk gestossen bin, hatte „Jake“, ein kanadischer Informatiker und Orgelfan, zusammen mit der Hauptwerk Community dieses Sample Set zu einer bombastischen viermanualigen Orgel erweitert. Hierbei handelt es sich nicht um ein Composite Sample Set, das Ranks aus verschiedenen Orgel zusammensetzt, sondern: Alle „neuen“ Register sind aus den ursprünglichen Samples von Cavaillé-Coll/Sonus Paradisi gewonnen. Das bedeutet, dass die Klanggestaltungsmöglichkeiten des ursprünglichen Sample Sets, wie front/rear-Mixer, Pipe Tuning, und Pipe Coupling Effect sich auch auf die neuen Register auswirken.
Diese extended version deckt schon einen Grossteil von Tournemires Wünschen ab. Ich musste, zusammen mit Jake, lediglich ein paar leise Register hinzufügen., z.B. Dulciane 8 im Récit und Flûte douce 8 im GO. ( → Disposition ). Und natürlich mussten alle Manuale und das Pedal schwellbar gemacht werden.
Um den Raumklang originalgetreu abzubilden liefert Sonus paradisi zum Sample Set von Caen auch eine reichhaltige IR-Bibliothek mit einem oder mehreren individuellen impulse reverbs zu jedem der vier Werke GO, Pos, Réc und Ped, jeweils mit front- und rear- Aspekt. Das erfordert schon mal ein multiple channel setting mit acht mixer bus groups bzw 16 Kanälen, die auf vier perspectives ( = Lautsprecherboxen ) links-rechts, vorne-hinten geroutet werden.
Dadurch kommt der Rückpositv-Charakter des Positif erst recht zur Geltung. Anderseits ermöglicht der durch die IRs gewährte Zugriff auf die Raumakkustik, das ohnehin schon wohltuend zurückhaltend intonierte Grand Chœur der extended version von Caen virtuell als Positif im Hauptgehäuse zu platzieren. Damit das musikalisch Sinn macht, mussten ein paar Register ihre Position wechseln. Von den originalen Cavaillé-Coll-Registern wurden Salicional 8, Unda Maris 8 und Flûte douce 4 ins Grand Chœur, sprich Innenpositiv verlegt.
Grand Orgue, Positif, das Pedal und eben auch das Grand Chœur/Positif sind in C- und Cis-Seite geteilt, der Diskant innen, der Bass aussen. Dabei ist das Hauptwerk breiter aufstellt als das Positif, das Pedal steht zu beiden Seiten ganz aussen. Das habe ich mit dem stereo balance tool nachgezeichnet. Das Récit verläuft, senkrecht dazu, von hinten nach vorne.
Da einige Register eine Sonderbehandlung erfuhren ( z.B. Soubasse 16 und Bourdon 8 als Kleinpedal ) sind wir inzwischen bei 32 Kanälen angelangt.
Um die Höhenstaffelung nachzuzeichnen, habe ich für meinen Privatgebrauch die vier Lautsprecher in der Höhe verdoppelt und die 32 Kanäle anteilmässig entsprechend geroutet.
Schliesslich hat Michael Brändli von Hardstudios Winterthur eine 7.1.4 Dolby-Atmos-Abmischung sowie einen klassischen Stereo-Downmix erstellt.
Summa summarum erlauben die 104 Register und fünf Schweller dieser viermanualigen „Tournemire-Idealorgel“ eine so differenzierte Interpretation, wie sie realiter kaum möglich wäre. Zusammen mit der Dolby Atmos Technologie manifestiert sich Tournemires Vision hier in einem immersiven Klangerlebnis einer wahrlich „mystischen Orgel“.
Mein besonderer Dank geht an Jake für die Programmierung der Orgel und an Michael für das Atmos-Mastering.
L'Orgue Mystique und die Choräle
L’Orgue Mystique und die Choräle → pdf
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