Vielleicht etwas weiter vom Text entfernt als bei uns üblich, aber etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht:
Wenn man nach Identität und Gedächtnis als Begriffspaar sucht, nach zwei Konzepten, die zueinander in einem Zusammenhang stehen, so stößt man in großer Menge auf Themen wie Nation, politische Identität, kulturelles Gedächtnis und historische Brüche.
Identität und Gedächtnis gemeinsam also als Kräfte auf der Makroebene gesellschaftlicher Entwicklung gedacht und nicht in Bezug zum Individuum, wie in der Dick’schen Vorlage und Verhoevens Adaption.
Einige wenige Beispiele für diese Beobachtung:
Assmann, Jan, 1999: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck.
Cambi, Fabrizio [Hrsg.], 2008: Gedächtnis und Identität: Die deutsche Literatur nach der Vereinigung. Würzburg: Königshausen & Neumann.
König, Helmut [Hrsg.] 2008: Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität. Bielefeld: Transcript-Verlag.
Rapaport, Lynn, 1997: Jews in Germany After the Holocaust: Memory, Identity, and Jewish-German Relations. Cambridge: Cambridge University Press.
erinnerungskultur.com/ (Blog, Stand: Dez. 2008)
www.oeaw.ac.at/home/thema/thema_20… (Die ÖAW zu ihrem Forschungsprojekt Gedächtnis-Erinnerung-Identität, Stand: Nov. 2006)
Grob gesprochen lassen sich zwei unterschiedliche Stoßrichtungen ausmachen: Ein, nach dem Ägyptologen Jan Assmann, kulturwissenschaftlicher, weit ausholender Blick auf die Entwicklung menschlicher Kulturen einerseits.
Andererseits die konkrete Betrachtung von Ereignissen relativ naher Vergangenheit und deren Auswirkungen bzw. gegenwärtig stattfindender Prozesse. Häufige Themen sind etwa das Ende der DDR, die Frage einer neuen europäischen Identität oder - gerade auch im englischsprachigen Raum - der Holocaust und das Leben danach.
Gesellschaft als etwas, das eine Identität hat, diese auch verändern oder gar verlieren kann. Angesichts der bewegten Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und auch aktueller Debatten, ist uns diese Vorstellung nicht fremd. Hat sie aber auch so etwas wie ein Gedächtnis? Ja - es sind Traditionen, Werte, Normen, aber auch Moden, die in jedem Lebensbereich vorkommen und gewissermaßen den sozialen Wandel dokumentieren.
Schließlich auch die Geschichtsschreibung. Es steckt schon im Wort drinnen, Geschichte geschieht nicht einfach, sie muss von jemandem geschrieben werden, wird konstruiert. Wir wissen heute auch, das man im Umgang mit der Geschichte vorsichtig sein muss, weil sie nie völlig objektiv sein kann, vom Verfasser geprägt ist und von nachfolgenden Betrachtern neu gelesen und weitervermittelt wird.
Dieser Prozess ist Erinnerung und aus ihr bezieht Gesellschaft einen wichtigen Teil ihrer Identität. Dieser Zusammenhang und die prekäre Natur des Gedächtnisses, sind auf der Makroebene großer sozialer Zusammenhänge vielleicht fast leichter zu verstehen als im Individuum. Ich glaube, dass man sie aber gut umlegen kann.
Zentral ist für mich das "Geschichte(n) schreiben" und Geschichte(n) erzählen". Das ist eine Notwendigkeit des menschlichen Denkens, alles in Form von Narrativen zu verarbeiten, die dann die eigene Person ebenso wie die Kultur durchziehen. (vgl. etwa Müller-Funk 2002). Gesellschaften haben ihre Geschichten von Anfängen und Stürzen, von Amtsperioden, Kriegen und Revolutionen. Ebenso verpacken wir unsere persönliche Vergangenheit in Form von Handlungssträngen. Die Kindheit, Erfolge und Niederlagen, prägenden Ereignisse - man konstruiert Handlungen mit sich selbst als Protagonisten. Anders ist es scheinbar nicht zu fassen, geschweige denn jemand anderem zu kommunizieren.
Und genau so wird auch in
We Can Remember It for You Wholesale die Manipulation von Douglas Quail verhandelt, über ausformulierte Geschichten über interplanetare Geheimagenten und eine außerirdische Invasion. Keine zufällig gewählten Geschichten sondern solche, die das Genre in dem Dick arbeitet selbstreferenziell wiederzuspiegeln scheinen.
Seine SF verdinglicht mit ihrer maschinellen Veränderung von Erinnerung lediglich einen tatsächlichen, ständigen Prozess des Einzelnen wie auch der Masse und macht ihn auf diese Weise sichtbar.
Müller-Funk, Wolfgang, 2002:
Die Kultur und ihre Narrative. Wien, New York: Springer.