Zum Nutzen der Sache

Buch von Aleksandr Solzjenitsyn

Zum Nutzen der Sache (russischer OT.: Для по́льзы де́ла [Dlja pol’sy dela]) ist der Titel einer 1963[1] veröffentlichten Erzählung von Alexander Solschenizyn. Sie spielt in den 1960er Jahren in einer russischen Stadt und handelt von einem gebrochenen Versprechen der Regierung einer Schulgemeinschaft gegenüber, mit dem Argument des übergeordneten Interesses. Die deutsche Übersetzung von Alexander Kaempfe erschien 1972.[2]

Die Handlung spielt in den 1960er Jahren in einer russischen Stadt. Ende August, kurz vor Beginn des neuen Schuljahres plant die Schulleitung des Technikums für Elektronik bis zum 2. September den Umzug in ein neues geräumiges Gebäude (Kap. 1). Seit sieben Jahren nutzt man ein Haus, das immer weniger den Anforderungen entspricht. So muss das kleine Labor abwechselnd von den Fachgruppen für Rundfunktechnik, Sende- und Empfangsgeräte benutzt werden. Ein Anbau für Werkstätten und ein einen halben Kilometer davon entferntes Häuschen konnten die beengte Situation nur etwas mildern. Außerdem fehlt ein Wohnheim und die Studentinnen und Studenten werden privat untergebracht. Deshalb wurde vor einigen Jahren ein Neubau in der Stadt mit einem benachbarten Wohnheim geplant. Nach den Arbeiten am Erdgeschoss stockte das Projekt drei Jahre wegen Finanzierungsproblemen, dann wurde weitergearbeitet und im letzten Jahr hat die Schulgemeinschaft bei Materialtransporten, Verputz und Malerarbeiten außerhalb der Unterrichtszeit und teils in den Ferien mitgeholfen. Besonders engagiert sich dabei Lydia Georgijewna, die bei den Jugendlichen beliebte Lehrerin für russische Sprache und Literatur. Als Mitglied des Komsomol-Komitees hat sie, obwohl verheiratet und Mutter einer zweijährigen Tochter, in ihren Ferien den Juli über auf dem Bau gearbeitet.

Zu Beginn der Romanhandlung warten alle auf den Beginn des Umzugs. Da keine LKWs anfahren, wollen die Jugendlichen den Transport selbst organisieren, doch kurz darauf trifft die Nachricht ein, der Neubau sei amtlich noch nicht für die Nutzung frei gegeben worden: Restarbeiten müssten noch ausgeführt werden, die Böden seien noch nicht trocken usw. (Kap. 2). Als später der wahre Grund für die angebliche Verzögerungen bekannt wird, diskutieren die Studentinnen und Studenten über Petitionen, Protestaktionen und einen Schulstreik, fürchten aber die Folgen: ihr Stipendium zu verlieren und ihr Studium aufgeben zu müssen (Kap. 5).

Am Nachmittag trifft unerwartet eine Kommission mit Vertretern des Ministeriums aus Moskau und verschiedener Komitees und dem Instrukteur an der Industrieabteilung des Gebietskomitees ein. Geleitet wird die Gruppe von Wsewolod Borissowitsch Chabalygin, dem Direktor einer kleinen Fabrik für Relais-Anlagen, der für die Überwachung des Neubaus zuständig ist (Kap. 3). Die Besucher lassen sich vom Direktor des Technikums, Fjodor Michejewitsch, durch das Haus führen und äußern sich zufrieden über den Zustand. Als der misstrauisch gewordene Direktor nach dem Grund der Besichtigung fragt, teilt man ihm mit, im Neubau werde ein in der Stadt angesiedeltes Forschungsinstitut untergebracht und das Technikum müsse „zum Wohle der Sache“ noch einige Zeit im alten Gebäude bleiben. Der Beschluss der Regierung sei bereits in Vorbereitung.

Michejewitsch versucht, diese Anordnung zu verhindern, und bittet seinen Kriegskameraden Iwan Kapitonowitsch Gratschikow, den Sekretär des Stadtkomitees, um Unterstützung. Er argumentiert nicht nur mit dem gegebenen Versprechen, sondern auch mit dem finanziellen Aspekt: Das Gebäude mit Hörsälen, Laboren, Turnhalle und Garderoben für tausend Personen sei für ein Institut ungeeignet und müsse für viel Geld umgebaut werden. Billiger käme ein Neubau (Kap. 4).

Gratschikow und Michejewitsch wenden sich an die übergeordnete Behörde und sprechen bei Victor Wawilowitsch Knorosow, dem Ersten Sekretär des Gebietskomitees, vor (Kap 6). Dieser verteidigt die Entscheidung: Es sei eine Ehre für die Stadt, ein großes Forschungsinstitut zu erhalten und in die Kategorie großer Städte wie Swerdlowsk oder Gorkij aufzusteigen. Um diese Gelegenheit zu nutzen, habe man dem Ministerium sofort ein Gebäude anbieten müssen. Für einen Neubau sei keine Zeit.

Gratschikow trägt die Gegenargumente vor: Der Neubau sei den Studentinnen und Studenten, die seit einem Jahr ohne Lohn geholfen haben, den Bau fertigzustellen, versprochen worden: „Die Ehre unserer Stadt besteht darin, dass diese Burschen gebaut und sich gefreut haben, und es ist unsere Pflicht, sie zu unterstützen! Nehmen wir ihnen das Gebäude weg, dann werden sie ihr Lebtag nicht vergessen, dass wir sie beschwindelt haben. Und wer einmal schwindelt, so werden sie denken, der schwindelt auch öfter! […] Nicht in Stein, sondern in den Menschen müssen wir den Kommunismus bauen. […] Das ist schwieriger und dauert länger!“[3] Außerdem sei das Gebäude für eine Schule konzipiert und nicht für ein Forschungsinstitut.

Knorosow hat sich bereits mit der Kommission aus Moskau abgestimmt und er nimmt aus Prinzip nie einmal Gesagtes zurück: „So wie früher in Moskau Stalins Wort […] Und obwohl es Stalin längst nicht mehr gab, gab es dennoch Knorosow. Er war ein angesehener Vertreter des »willensstarken Führungsstils« und sah darin sein größtes Verdienst.“[4] Zuerst droht er Gratschikow mit Abstufung, schließlich entscheidet er sich jedoch für eine Art Kompromiss: Chabalygin, der durch gute Beziehungen zum Ministerium in Moskau Direktor des neuen Forschungsinstituts in der Stadt werden soll, muss das Grundstück neben seinem neuen Gebäude an das Technikum abgeben. Allerdings ist das Haus als Wohnheim konzipiert und muss für eine Schule umgebaut und fertiggestellt werden. Knorosow gibt sich zuversichtlich: „Das kriegt ihr schon hin!“[5] Michejewitsch dagegen ist skeptisch: Wieder ein Unterrichtsjahr im alten Gebäude. Und ein Wohnheim wird es auch nicht geben. Ob der Neubau bis zum Frühjahr fertiggestellt ist, ist nach den bisherigen Erfahrungen nicht sicher, auch wenn, wie Gratschikow versichert, der Volkswirtschaftsrat und die Stadt mithelfen.

Nach dem Gespräch besichtigt der Direktor das zugesagte Grundstück und sieht, dass Chabalygin mit der „Armbewegung eines antiken Feldherrn, der seinen Truppen den Weg weist“,[6] von Bauarbeitern Grenzpfähle zwischen den Grundstücken einschlagen lässt und dabei sein künftiges Institutsgelände vergrößert. Michejewitsch fragt ihn zornig, ob dies auch „zum Nutzen der Sache“ sei und murmelt: „Na, warte nur, du Widerling! Du Gauner!“[7]

Entstehungs- und Publikationsgeschichte

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Solschenizyn unterrichtete, nachdem seine Verbannung 1957 aufgehoben worden war, Physik und Astronomie an der regionalen Oberschule in Rjasan. 1963 kündigte er seine Stelle und konzentrierte sich auf das Schreiben, um die Repressalien des stalinistischen Systems schriftstellerisch zu dokumentieren. Am 15. April zog er sich nach Solotcha, einem Dorf zwanzig Kilometer nordöstlich der Stadt, zurück, um ungestört arbeiten zu können, und schrieb im Hotel Zagorodnaya, einem ehemaligen Kloster, die Geschichte Zum Nutzen der Sache. Sie beruht auf einer wahren Begebenheit und viele Charaktere sind realen Personen nachgebildet, z. B. ähnelt Knorosow dem Ersten Sekretär des Regionalkomitees von Rjasan, Alexei Larionov.[8]

Solschenizyn schickte das Manuskript im Mai 1963 an die Zeitschrift Novy Mir. Die Reaktion der Redaktion war positiv und man veröffentlichte die Erzählung in der siebten Ausgabe auf den Seiten 58–90. „Solschenizyns neue Geschichte ist Macht“, notierte Twardovsky am 28. Mai in seinem Arbeitsbuch.[9] Trotzdem zensierte man das Manuskript ohne Rücksprache mit dem Autor, v. a. eine Passage, in der Studenten zum Streik aufrufen, da das Wort „Streik“ in der sowjetischen Presse verboten war. Der Autor kritisierte nachträglich die Streichungen der Redaktion: „Als ich zurückkam, tadelte ich sie bitter.“[10]

Zum Nutzen der Sache ist eines der letzten Werke Solschenizyns, die in der UdSSR offiziell publiziert werden durften.[11]

Rezeption und Interpretation

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Wie die anderen 1963 veröffentlichten Erzählungen, Matrjonas Hof und Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka, löste auch Zum Nutzen der Sache eine kontroverse Diskussion aus. Die Redaktion von Novy Mir wusste um die Gefahr eines Publikationsverbots, redigierte den Text und nahm, trotz Widerspruch des Autors, Passagen und Begriffe heraus, die eine Veröffentlichungsgenehmigung verhindern konnten. Trotzdem wurden gegen Ende der Tauwetter-Periode die Spielräume für die Verteidiger Solschenizyns immer enger.

Nach der Publikation setzte sich in Leserbriefen und Rezensionen die literarische Auseinandersetzung zwischen dem stalinistischen Sekretär des Regionalkomitees Knorosow und dem progressiven Sekretär des Stadtkomitees Grachikow fort:[12]

Der Kulturpolitiker und Literaturwissenschaftler Barabasch kritisiert, Solschenizyn wolle die komplexesten ideologischen und moralischen Probleme lösen und beurteile Menschen und ihr Handeln außerhalb der realen Lebensbindungen, wobei er abstrakte Kategorien ohne konkrete soziale Inhalte verwende.[13] Dem widerspricht der Schriftsteller Granin in derselben Zeitschrift.[14] Der Schriftsteller und Dissident Schalomow sieht als Kern der Erzählung die moralische Aussage, dass das Lügen gegenüber jungen Menschen ein Verbrechen ist, und lobt, diese sehr filigrane Erzählung sei im Wesentlichen eine Art Reflexion völlig anderer Ereignisse, die in der Geschichte angedeutet sind.[15]

Die westliche Literaturkritik bewertete das oft zusammen mit Zwischenfall und Matrjona publizierte Werk überwiegend positiv als große Erzählung,[16] u. a. wegen der moralischen Haltung Solschenizyns. Nach Korn macht der Autor „wie kein anderer die Wahrheit, die im Detail steckt, sichtbar“. Das sei seine Macht.[17] Die Erzählung zeige die „Ohnmacht des Menschen gegenüber einem anonymen Apparat, dessen Vertreter auch nicht davor zurückschrecken, „zum Nutzen der Sache“ junge Menschen zu betrügen und zu frustrieren. An scheinbar banalen Vorgängen werden dank detaillierter Beschreibungen und präziser Dialoge menschliche und gesellschaftliche Grundkonflikte sichtbar, werden die Charaktere der einzelnen Personen deutlich.“ Der Text lebe „aus der Spannung [……] von realistischer Nüchternheit und sarkastischer Überspitzung“.[18]

Solschenizyn beurteilte seine Erzählung selbstkritisch als passabel und oberflächlich: „Ein widerlicher Nachgeschmack blieb mir von der Veröffentlichung dieser Geschichte im Gedächtnis, obwohl trotz unseres allgemeinen Verbots [die Erzählung] viele begeisterte und öffentliche Reaktionen hervorrief. In dieser Geschichte begann ich, von meiner Position abzugleiten, und Ströme der Adaption tauchten auf.“[19] Später schrieb er in einem Brief: „Diese Geschichte ist weniger bedeutend als die vorherigen, kleiner als sie“[20].

Anmerkungen

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  1. in der Zeitschrift Novy Mir:s. Alexis Klimoff; Edward E. Jr. Ericson:: Die Seele und Stacheldraht: Eine Einführung in Solschenizyn. Intercollegiate Studies Institute, Lanham, MD, 2008, S. 21.
  2. im Deutschen Taschenbuch Verlag München und 1973 im Herbig Verlag Berlin.
  3. Alexander Solschenizyn: Zum Nutzen der Sache. In: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1975, S. 155, 156.
  4. Alexander Solschenizyn: Zum Nutzen der Sache. In: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1975, S. 155.
  5. Alexander Solschenizyn: Zum Nutzen der Sache. In: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1975, S. 158.
  6. Alexander Solschenizyn: Zum Nutzen der Sache. In: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1975, S. 161.
  7. Alexander Solschenizyn: Zum Nutzen der Sache. In: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1975, S. 161.
  8. Alexander Solschenizyn: Geschichten und kleine Dinge. — M.: AST, Astrel, 2006. — S. 615, 616.
  9. Alexander Tvardovsky (herausgegeben von V. A. und O. A. Tvardovsky): Arbeitsbücher der Znamya der 60er Jahre. — 2000. — Nr. 9. — S. 152. Archiviert vom Original am 12. März 2018.
  10. Alexander Solschenizyn: Ein Kalb prallte mit einer Eiche aneinander. Soglasie Verlag Moskau, 1996. — S. 88.
  11. Die letzte bekannte Publikation ist Zacharias-Kalita (Zakhar-Kalita). 1965 geschrieben, wurde die Erzählung trotz Ablehnung anderer Redaktionen Anfang 1966 von Novy Mir veröffentlicht. https://openuni.io/course/20-vokrug-moskvy/lesson/2/material/1052/?lang=EN
  12. Novy Mir veröffentlichte in der 10. Ausgabe, Seiten 193–198, eine Auswahl von Leserbriefen zur Verteidigung Solschenizyns.
  13. Yuri Barabash: Что есть справедливость? ( Was ist Gerechtigkeit?). Literaturnaya gazeta. - 31. August 1963.
  14. Daniil Granin. Прав ли критик? (Hat der Kritiker recht?). Literaturnaya gazeta. - 15. Oktober 1963.
  15. Varlam Shalamov: Новая книга (Neues Buch). Eksmo Verlag Moskau, 2004. — S. 653.
  16. Titel der Ausgabe des Herbig Verlags, 1974.
  17. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Zitiert in: Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1975, Rückseite.
  18. Zitiert in: Alexander Solschenizyn: Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1975, S. 1.
  19. Alexander Solschenizyn: Ein Kalb prallte mit einer Eiche aneinander. Soglasie Verlag Moskau, 1996. — S. 88.
  20. Natalia Reshetovskaja: Aleksandr Solzhenitsyn i chitayushchaya Rossiya (Alexander Solzhenitsyn und das lesende Russland). Sovetskaya Rossiya Verlag Moskau, 1990. — S. 149.