Ursula Parrott
Ursula Parrott (* 26. März 1899 in Dorchester, Massachusetts; † September 1957 in New York City, New York) war eine US-amerikanische Schriftstellerin.

Leben
BearbeitenUrsula Parrott wurde 1899 im US-Bundesstaat Massachusetts als Tochter eines Arztes geboren. Sie besuchte die Boston Latin Academy und bis 1920 das Radcliffe College, das sie mit einem Abschluss in Englisch beendete. Danach zog sie ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village, wo sie in verschiedenen Jobs arbeitete, darunter als Journalistin.[1]
Ihr Roman Ex-Wife machte Parrott im Jahr 1929 schlagartig bekannt. Das Werk erzählt in der Ich-Perspektive von der jungen New Yorkerin Patricia, welche sich von ihrem Mann scheiden lässt. Danach stürzt sie sich in ein turbulentes Dasein aus Alkohol, kurzen Affären und beruflichem Erfolg als Werbetexterin – alles vor dem Hintergrund der Roaring Twenties. Allein im ersten Jahr verkauften sich über 100.000 Exemplare des Romans.[2] Die Verfilmung des Romans, Die Frau für alle, kam schon im folgenden Jahr in die Kinos und brachte Hauptdarstellerin Norma Shearer den Oscar ein.
In den 1930er-Jahren blieb Parrott mit weiteren Romanen sowie in Magazinen abgedruckten Kurzgeschichten eine populäre Autorin – wobei Ex-Wife ihr bekanntestes und nach Ansicht mehrerer Kritiker auch stärkstes Werk blieb. Nach dem Erfolg von Die Frau für alle verfilmte Hollywood bis 1936 acht weitere Werke von ihr, vor allem in der Pre-Code-Ära. Die Durchsetzung des Hays Codes mit seinen strengen Zensurrichtlinien für die US-Filmindustrie ab dem Jahr 1934 führte aber dazu, dass Hollywood schließlich weitgehend von Parrotts Erzählungen über Untreue, Sex und Partys Abstand halten musste.[3] Nach 20 Jahren Pause verfilmte Douglas Sirk 1956 ihre Geschichte There’s Always Tomorrow, was zugleich die bis heute letzte Verfilmung eines ihrer Werke ist.
Parrott war viermal verheiratet, darunter mit dem Journalisten Lindesay Marc Parrott und dem Anwalt John Wildberg. Aus erster Ehe hatte sie einen 1924 geborenen Sohn, Marc Parrott. Alle vier Ehen wurden geschieden, die letzte davon im Jahr 1944. Die Klatschpresse berichtete ausgiebig und mitunter boshaft über das turbulente Privatleben der Bestseller-Autorin.[2] Als ihre vielleicht größte Liebe galt der verheiratete Journalist Hugh O’Connor, der sich aber trotz langjähriger Affäre nicht ihretwegen scheiden lassen wollte.[1]
Als das kulturelle Klima sich wandelte und das Interesse an ihren Veröffentlichungen nachließ, begann für Parrott eine Abwärtsspirale. 1942 musste sie umfangreiche Steuerrückzahlungen leisten[1] und wurde im selben Jahr angeklagt, aber freigesprochen, einem Soldaten bei seiner Fahnenflucht geholfen zu haben.[3] Auch Parrotts Werke wandelten sich: Entfliehen ihre Protagonisten in den frühen Veröffentlichungen meist ihren Problemen, stellen sie sich diesen mit zunehmender Reife in ihren Veröffentlichungen aus den 1940ern.[1] Schon 1947 veröffentlichte sie mit der Kurzgeschichte Let’s Just Marry ihr letztes Werk. Sie soll danach weiter geschrieben haben, aber ohne zu publizieren.[1]
Parrott hatte schon zu Zeiten ihres Erfolges viel getrunken, entwickelte aber in späteren Jahren endgültig eine Alkoholsucht. Auch finanzielle Probleme plagten die Autorin, die am Höhepunkt ihrer Karriere bis zu 100.000 Dollar im Jahr eingenommen hatte: 1950 geriet sie aufgrund einer unbezahlten Hotelrechnung in die Schlagzeilen; 1952 wegen Tafelsilber, das sie aus dem Haus einer Freundin gestohlen hatte und beim Pfandleiher versetzt hatte. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie abseits der Öffentlichkeit.[3] Sie starb 1957 in der Armenstation eines New Yorker Krankenhauses an einer Krebserkrankung.[4]
Rezeption
BearbeitenBeginnend mit ihrem Debütroman Ex-Wife gelangen Parrott mehrere Bestseller, welche neue Frauenbilder, Seiten des Großstadtlebens sowie Wirren moderner Liebesbeziehungen thematisierten. Die Offenheit ihrer Werke bezüglich Sexualität wurde ihr von vielen Kritikern angekreidet, die ihre Werke teils kategorisch als unmoralisch abtaten. Diese Haltung setzte sich erst recht in den Jahrzehnten nach dem Ende des „Jazz Age“ fort und führte dazu, dass die Schriftstellerin und ihr Werk in Verruf gerieten.[3] Parrotts Werke waren Unterhaltungsliteratur, die aber aus dieser durch ihren aufrechten Zynismus und der Behandlung damals brisanter Themen – Abtreibung, Sex und Lust, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Untreue, alleinerziehende Mutterschaft – hervorstachen.[1]
Parrotts Werk ist von einer Skepsis gezeichnet, was die neuen Möglichkeiten für Frauen und Männer in den zunehmend liberalisierten Gesellschaften der Großstädte im frühen 20. Jahrhundert anging.[5] Aus diesem Grund lehnte sie für sich auch die Bezeichnung als Feministin in einem Interview entschieden ab.[6][5] Zugleich griffen ihre Veröffentlichungen immer wieder feministische oder proto-feministische Themen auf,[7] warfen ein Blicklicht auf Ungleichbehandlungen und forderten zugleich damals vorherrschende patriarchale Vorstellungen heraus.[8]
Schon gegen Ende ihres Lebens war Parrott weitgehend in Vergessenheit geraten. 1988 wurde Ex-Wife erstmals neu aufgelegt, und in den Jahrzehnten danach setzte eine langsame Wiederentdeckung ihres Werkes ein, besonders seit 2023. Teilweise führte diese neue Rezeption zu Vergleichen mit F. Scott Fitzgerald. 2023 widmete ihr Joyce Carol Oates einen Artikel im The New York Review of Books: The Divorcee habe ein neues Frauenbild verkörpert, auch wenn Parrott in ihrem Privatleben in konventionellen Ehen und Beziehungen gefangen geblieben sei.[9] Im selben Jahr publizierte Marsha Gordon mit Becoming the Ex-Wife: The Unconventional Life and Forgotten Writings of Ursula Parrott eine Biografie über die Schriftstellerin. Die Biografie und eine Neuveröffentlichung von Ex-Wife riefen Artikel größerer amerikanischer Zeitungen hervor. Die The New York Times stellte diesbezüglich fest, Parrott sei nun „nicht mehr übersehen“.[10]
2024 erschien beim S. Fischer Verlag eine Übersetzung ihres bekanntesten Romans Ex-Wife ins Deutsche. Es handelte sich um die deutsche Erstveröffentlichung des Buchs. Der Deutschlandfunk beschrieb den Roman als „Entdeckung“, der sich wie „Sex and the City – vor 100 Jahren“ lese.[4]
Bibliografie (Auswahl)
Bearbeiten- Ex-Wife, Jonathan Cape & Harrison Smith (1929); Neuveröffentlichung bei McNally Editions, New York, 2023: ISBN 978-1-946022-56-1.
- Ursula Parrott: Ex-Wife. Fischer, 2024, ISBN 978-3-949465-28-4. Übersetzt ins Deutsche von Tilda Engel.
- Strangers May Kiss, Johnathan Cape & Harrison Smith (1930)
- Love Goes Past, Jonathan Cape & Harrison Smith (1931)
- The Tumult and the Shouting, Longman Green (1933)
- Dream Without Ending, Longman Green (1935)
- For All Our Lives, Dodd, Mead (1938)
- Heaven's Not Far Away, Dodd, Mead (1942)
- Navy Nurse, Dodd, Mead (1943)
- Even In One Hundred Years (1944)
Verfilmungen ihrer Werke
Bearbeiten- 1930: Die Frau für alle (The Divorcee) – Regie: Robert Z. Leonard, mit Norma Shearer, Chester Morris, Conrad Nagel und Robert Montgomery
- 1931: Gentleman’s Fate – Regie: Mervyn LeRoy, mit John Gilbert und Louis Wolheim
- 1931: Strangers May Kiss – Regie: George Fitzmaurice, mit Norma Shearer, Robert Montgomery und Neil Hamilton
- 1931: Left Over Ladies – Regie: Erle C. Kenton, mit Claudia Dell und Marjorie Rambeau
- 1932: Love Affair – Regie: Thornton Freeland, mit Dorothy Mackaill und Humphrey Bogart
- 1933: The Woman Accused – Regie: Paul Sloane, mit Nancy Carroll und Cary Grant
- 1934: There’s Always Tomorrow – Regie: Edward Sloman, mit Frank Morgan, Binnie Barnes und Robert Taylor
- 1936: Next Time We Love – Regie: Edward H. Griffith, mit Margaret Sullavan, James Stewart und Ray Milland
- 1936: Brilliant Marriage – Regie: Philip Rosen, mit Joan Marsh und Hugh Marlowe
- 1956: Es gibt immer ein Morgen (There’s Always Tomorrow) – Regie: Douglas Sirk, mit Barbara Stanwyck, Fred MacMurray und Joan Bennett
Sekundärliteratur
Bearbeiten- Marsha Gordon: Becoming the Ex-Wife: The Unconventional Life and Forgotten Writings of Ursula Parrott. University of California Press, 2023.
Weblinks
Bearbeiten- Ursula Parrott bei IMDb
Einzelnachweise
Bearbeiten- 1 2 3 4 5 6 There’s Always Tomorrow: On Ursula Parrott and Marsha Gordon’s “Becoming the Ex-Wife”. 10. Juli 2023, abgerufen am 6. Mai 2026.
- 1 2 Alissa Bennett: Divorcée Fiction: On Ursula Parrott by Alissa Bennett. In: The Paris Review. 21. April 2023, abgerufen am 6. Mai 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 Michael LaPointe: The Racy Jazz Age Best Seller You’ve Never Heard Of. In: The Paris Review. 12. Februar 2019, abgerufen am 21. Oktober 2019 (englisch).
- 1 2 Manuela Reichart: Sex in the city - vor 100 Jahren. In: Deutschlandfunk. 2. August 2024, abgerufen am 7. Mai 2026.
- 1 2 Monica Heisey: Notes on a scandal: Monica Heisey on why Ursula Parrott’s account of divorce is still alarmingly relatable. In: The Guardian. 27. Juli 2024, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 7. Mai 2026]).
- ↑ Ursula Parrott and the Secret Lives of Ex-Wives | National Endowment for the Humanities. 18. April 2023, abgerufen am 7. Mai 2026 (englisch).
- ↑ ‘Ex-wife’ by Ursula Parrott, a review by Eleanor Antoniou. In: TheFeministBookClub. Abgerufen am 7. Mai 2026 (britisches Englisch).
- ↑ “Maxims in the Copybook of Modernism”. In: University of California Press. 2024, abgerufen am 7. Mai 2026 (englisch).
- ↑ Joyce Carol Oates: None-Too-Gay Divorcées. In: The New York Review of Books. Band 70, Nr. 12, 20. Juli 2023, ISSN 0028-7504 (nybooks.com [abgerufen am 6. Mai 2026]).
- ↑ Marsha Gordon: Overlooked No More: Ursula Parrott, Best-Selling Author and Voice for the Modern Woman. In: The New York Times. 10. Juli 2024, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 6. Mai 2026]).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Parrott, Ursula |
| KURZBESCHREIBUNG | Romancierin und Drehbuchautorin |
| GEBURTSDATUM | 26. März 1900 |
| GEBURTSORT | Dorchester, Massachusetts |
| STERBEDATUM | September 1957 |
| STERBEORT | New York City, New York |