Sliman Mansour (arabisch سليمان منصور; auch Suleiman Mansour und Suliman Mansour; * 27. Juli 1947 in Bir Zait, Völkerbundsmandat für Palästina; † 24. August 2026 in Jerusalem) war ein palästinensischer Maler, Bildhauer und Cartoonist. Er gehörte seit den 1970er Jahren zu den prägenden Vertretern der modernen palästinensischen Kunst und war maßgeblich an der Entwicklung einer visuellen Bildsprache palästinensischer Identität beteiligt. In seinen Arbeiten verband Mansour Landschaften, Alltagsleben und kulturelle Symbole mit Erfahrungen von Nakba, Vertreibung und israelischer Besatzung.

Sliman Mansour, 2009

Sein bekanntestes Motiv ist Jamal al-Mahamel (جمل المحامل, englisch meist Camel of Hardship oder Camel of Burdens), das einen alten palästinensischen Lastenträger zeigt, der Jerusalem auf seinem Rücken trägt. Das vielfach reproduzierte Bild wurde zu einem der bekanntesten Werke palästinensischer Kunst und mit dem palästinensischen Konzept des Sumud, der Standhaftigkeit, verbunden.[1][2]

Mansour wurde am 27. Juli 1947 in Bir Zait nördlich von Ramallah als viertes von sechs Kindern geboren. Sein Vater starb, als Mansour vier Jahre alt war. Anschließend schickte seine Mutter ihn und seine Geschwister auf ein von evangelischen Lutheranern getragenes Internat für Waisen in Bethlehem. Dort wurde sein künstlerisches Interesse insbesondere von dem deutschen Lehrer Felix Theis gefördert.[3]

Nach dem Sechstagekrieg begann Mansour 1967 ein Kunststudium an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Er studierte dort drei Jahre und verließ die Akademie 1970. Nach seiner eigenen biografischen Darstellung konnte er die Studiengebühren nicht länger aufbringen und erwarb deshalb keinen Abschluss.[3] Andere biografische Darstellungen führen dagegen einen Abschluss im Jahr 1970 an.[4] Wegen dieser widersprüchlichen Angaben wird sein Studium auch in institutionellen Kurzbiografien häufig lediglich als Kunststudium an der Bezalel-Akademie bezeichnet.[5]

1973 gehörte Mansour zu den Gründungsmitgliedern der League of Palestinian Artists.[6] Von 1986 bis 1990 stand er der Vereinigung vor.[7]

Neben seiner bildnerischen Arbeit war Mansour als politischer Cartoonist und Illustrator tätig. Von 1981 bis 1993 veröffentlichte er unter anderem in der englischsprachigen palästinensischen Wochenzeitung Al-Fajr und in der Zeitschrift Al-Awda.[6]

1994 war Mansour Mitgründer des Al-Wasiti Art Center in Ostjerusalem. Das Zentrum sollte palästinensische Kunst archivieren und bewahren und zugleich die Verbindung zwischen Künstlern in Palästina und im Exil stärken.[8][6] Später gehörte er dem Gründungsvorstand der International Academy of Art Palestine an.[8] Von 2000 bis 2014 lehrte Mansour an der al-Quds-Universität.[6]

Nach einem 2021 erlittenen Schlaganfall war seine linke Hand beeinträchtigt und ihm fiel das Malen schwerer. Dennoch suchte er weiterhin regelmäßig sein Atelier in Ramallah auf.[9]

Mansour starb am 24. August 2026 im Alter von 79 Jahren in Jerusalem. Seine Familie gab seinen Tod über seinen verifizierten Instagram-Auftritt bekannt.[10][7]

Bildsprache und Jamal al-Mahamel

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Seit den 1970er Jahren entwickelte Mansour eine wiedererkennbare Bildsprache, die eng mit palästinensischer Geschichte, Landschaft und kultureller Erinnerung verbunden war. Die Kunsthistorikerin Sarah Ann Rogers ordnet in der Routledge Encyclopedia of Modernism den Orangenbaum in Mansours Werk der Erinnerung an die Nakba von 1948 und den Olivenbaum dem Krieg und der Besetzung von 1967 zu. Weitere wiederkehrende Elemente sind traditionelle palästinensische Stickerei, das Dorfleben und die palästinensische Frau als mütterliche Verkörperung des Landes.[5]

Auch die Kunsthistorikerin Gannit Ankori behandelt Mansours Werk ausführlich im Zusammenhang mit dem Konzept des Sumud. Ihr Mansour gewidmetes Kapitel in Palestinian Art trägt den Titel Earth: Sliman Mansour and the Poetics of Sumud.[2] Die Verwendung von Landschaft, Erde und verwurzelten Figuren verband sich in Mansours Werk damit nicht nur mit nationaler Symbolik, sondern auch mit Vorstellungen von Beharren, Zugehörigkeit und Widerstand gegen Vertreibung.

Besonders bekannt wurde Jamal al-Mahamel. Die Datierung der frühen Fassung ist in den kunsthistorischen und institutionellen Quellen nicht einheitlich. Tina Sherwell datiert das Werk in Jerusalem Quarterly auf 1973; auch das Haus der Kulturen der Welt führt Camel of Hardship mit dieser Datierung.[1][11] Mathaf nennt dagegen 1974 und verweist darauf, dass Mansour insgesamt drei Versionen schuf.[7]

Das Bild zeigt einen alten, traditionell gekleideten palästinensischen Lastenträger in einer weitgehend leeren Landschaft. Er trägt eine große, augenförmige Last auf dem Rücken, in der Jerusalem mit dem Felsendom im Zentrum erscheint.[7] Die gebeugte, aber weitergehende Figur wurde als Verkörperung des Sumud rezipiert.[2]

Bereits 1975 wurde das Motiv als Plakat gedruckt und in Häusern sowie öffentlichen Räumen im Westjordanland und im Gazastreifen verbreitet. Dadurch gelangte es früh über den eigentlichen Kunst- und Galeriekontext hinaus.[7] Das HKW zählt das Werk zu einer Reihe von Mansours Motiven, die seit Mitte der 1970er Jahre als Plakate zirkulierten und zu einer verbreiteten visuellen Symbolsprache palästinensischer Kultur wurden.[11]

Zensur und die Wassermelonen-Anekdote

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Mansours künstlerische Tätigkeit war wiederholt von israelischer Zensur und Eingriffen gegen palästinensische Kunstausstellungen betroffen. In einem Interview von 2021 erinnerte er sich an eine Ausstellung mit Nabil Anani und Issam Badr in der Gallery 79 in Ramallah im Jahr 1980. Nach seiner Darstellung wurde die Ausstellung von israelischen Soldaten bereits drei Stunden nach ihrer Eröffnung geschlossen. Zwei Wochen später seien die drei Künstler vorgeladen und davor gewarnt worden, politische Bilder anzufertigen.[12]

Mit diesem Gespräch ist eine später vielfach verbreitete Geschichte über die Wassermelone als palästinensisches Symbol verbunden. Mansour zufolge erklärten die israelischen Offiziere, nicht nur die palästinensische Flagge, sondern auch ihre Farben seien verboten. Als Badr fragte, was geschehe, wenn er eine Blume in Rot, Grün, Schwarz und Weiß male, habe ein Offizier geantwortet, auch diese werde beschlagnahmt – selbst wenn es sich um eine Wassermelone handele.[12]

Mansour widersprach jedoch der später entstandenen Vorstellung, palästinensische Künstler hätten damals allgemein Wassermelonen als Ersatz für die verbotene Flagge gemalt. Er könne sich nicht daran erinnern, dass Künstler in jener Zeit die Frucht tatsächlich als politisches Motiv verwendet hätten. The National bezeichnete die weitergehende Ursprungserzählung deshalb als nicht verifizierbaren modernen Mythos; die bekannte Wassermelonen-Darstellung des Künstlers Khaled Hourani entstand erst 2007.[12]

New Visions

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Während der Ersten Intifada formierte sich um Mansour, Vera Tamari, Tayseer Barakat und Nabil Anani das Künstlerkollektiv New Visions. Das genaue Gründungsjahr wird unterschiedlich angegeben. Die Routledge Encyclopedia of Modernism nennt 1987,[5] während das Palästinensische Museum die Gründung auf 1989 datiert und sich dabei auf das Gründungsmanifest der Gruppe aus diesem Jahr bezieht.[13]

Im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Boykott während der Intifada verzichteten die Mitglieder des Kollektivs auf über Israel bezogene beziehungsweise importierte Kunstmaterialien. Stattdessen verwendeten sie örtlich verfügbare Materialien wie Lehm, Henna, Kaffee, Tee, Stroh, Leder oder Keramikscherben.[5][13] Damit wurde auch die Wahl des Materials selbst Teil der politischen und ästhetischen Praxis. Rogers beschreibt diesen Schritt als Verbindung des künstlerischen Herstellungsprozesses mit dem Land und dem politischen Kampf.[5]

Wandbild von Sliman Mansour und Nabil Anani an der Inash-al-Usra-Vereinigung in al-Bireh (2014)

Lehm und I am Ismail

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Vor allem Lehm wurde seit dieser Phase zu einem charakteristischen Material Mansours. Er trug ihn auf hölzerne Träger auf und formte daraus figürliche Reliefs. Die beim Trocknen entstehenden Risse ließ er bewusst sichtbar. Dadurch wurden das Vergehen der Zeit, Verletzlichkeit und die unmittelbare physische Verbindung mit dem Land Bestandteil der Arbeiten.[7][5]

1996 begann Mansour die Serie I am Ismail. Darin bezog er sich auf die biblisch-koranische Figur Ismael und deren Geschichte von Exil und Beziehung zum Land. Mansour verband diese Geschichte mit autobiografischen Erfahrungen.[7] Für die Serie erhielt er 1998 den Hauptpreis der 7. Kairo-Biennale.[6]

Spätes Werk

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Nach Beginn des Krieges im Gazastreifen 2023 erklärte Mansour, die Bilder aus Gaza hätten seine Arbeitsweise verändert. Ende 2023 arbeitete er an einer großformatigen Leinwand ohne die von ihm zuvor üblichen vorbereitenden Zeichnungen und trug Farbe und Pinselstriche unmittelbar auf die Leinwand auf.[9]

2024 entstand für das Palästinensische Museum in Bir Zait das monumentale Wandbild On the Wing of an Angel. Das zwölf Meter breite und sechs Meter hohe Werk besteht aus Lehm, Stroh und Henna. Im Zentrum steht Jerusalem; Risse im Lehm und Motive palästinensischer Stickerei greifen zentrale Elemente aus Mansours früherem Werk auf.[14] Das Werk entstand im Rahmen eines Projekts, bei dem alle vier Gründungsmitglieder von New Visions großformatige Arbeiten für die geplante Dauerausstellung des Museums schufen.[15]

Bedeutung für palästinensische Kunstinstitutionen

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Neben seiner eigenen künstlerischen Arbeit war Mansour über Jahrzehnte am Aufbau palästinensischer Kunstinstitutionen beteiligt. Als Gründungsmitglied der League of Palestinian Artists, Mitgründer des Al-Wasiti Art Center und Mitglied des Gründungsvorstands der International Academy of Art Palestine wirkte er an der institutionellen Organisation, Archivierung und Vermittlung palästinensischer Kunst mit.[6][8]

Die UNESCO würdigte bei der Vergabe ihres Sharjah-Preises 2019 ausdrücklich nicht nur Mansours künstlerisches Werk, sondern auch seinen Beitrag zum Aufbau einer Infrastruktur für bildende Kunst und sein Engagement für die Ausbildung jüngerer Künstlergenerationen.[8]

Ausstellungen (Auswahl)

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Das Museum der Universität Bir Zait verzeichnet unter anderem folgende Einzel- und internationale Ausstellungsstationen:[16]

  • 1981: Sliman Mansour, Gallery 79, Ramallah
  • 1992: Roots, Vereinte Nationen, New York
  • 1995: Sharjah Biennale, Schardscha
  • 1998: I Ismael, 7. Kairo-Biennale, Kairo
  • 2001: Ten Years in Mud, Ramallah, Nazareth und Gaza
  • 2003: The Fabric of Memory, Sharjah Museum, Schardscha
  • 2011: Terrains of Belonging, Retrospektive, al-Hoash, Jerusalem

Auszeichnungen

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  • 1998: Palestine Prize for the Visual Arts[6][16]
  • 1998: Grand Nile Prize der 7. Kairo-Biennale für I am Ismail[6]
  • 2019: UNESCO-Sharjah-Preis für arabische Kultur, gemeinsam mit der brasilianischen Historikerin und Kuratorin Silvia Alice Antibas[8]
  • 2025: ägyptischer Nile Award for Arab Creators[17]

Literatur

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  • Gannit Ankori: Palestinian Art. Reaktion Books, London 2006, ISBN 978-1-86189-259-1, S. 60–92.
  • Faten Nastas Mitwasi: Ein Künstler aus Palästina. Sliman Mansour. Standhaftigkeit und Kreativität. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2008, ISBN 978-3-86568-370-0.
  • Kamal Boullata: Palestinian Art: From 1850 to the Present. Saqi, London 2009, ISBN 978-0-86356-648-6.
  • Tina Sherwell: Jerusalem: City of Dreams. In: Jerusalem Quarterly. Nr. 49, 2012, S. 43–53, doi:10.70190/jq.I49.p43.

Siehe auch

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Commons: Sliman Mansour – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. 1 2 Tina Sherwell: Jerusalem: City of Dreams. In: Jerusalem Quarterly. Nr. 49, 2012, S. 43–53, doi:10.70190/jq.I49.p43.
  2. 1 2 3 Gannit Ankori: Palestinian Art. Reaktion Books, London 2006, ISBN 978-1-86189-259-1, S. 60–92.
  3. 1 2 Sliman Mansour. In: Jerusalem Story. 17. Juli 2025, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  4. Wafa Roz: Sliman Anis Mansour. In: Dalloul Art Foundation. Abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  5. 1 2 3 4 5 6 Sarah Ann Rogers: Mansour, Sliman (b.1947, Palestine). In: Routledge Encyclopedia of Modernism. 9. Mai 2016, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  6. 1 2 3 4 5 6 7 8 Sliman Mansour. In: Sharjah Art Foundation. Abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  7. 1 2 3 4 5 6 7 Sarah Rogers: Sliman Mansour. In: Mathaf Encyclopedia. Mathaf: Arab Museum of Modern Art, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  8. 1 2 3 4 5 Laureates. In: UNESCO-Sharjah Prize for Arab Culture. UNESCO, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  9. 1 2 William Parry: Art in times of crisis: Palestinian painter on how Gaza conflict is changing his approach. In: The National. 24. Dezember 2023, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  10. William Mullally: Palestinian artist Sliman Mansour dies aged 79. In: The National. 24. August 2026, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  11. 1 2 Sliman Mansour. In: Haus der Kulturen der Welt. Abgerufen am 25. August 2026.
  12. 1 2 3 Alexandra Chaves: How the watermelon became a symbol of Palestinian resistance. In: The National. 30. Mai 2021, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  13. 1 2 New Visions. In: The Palestinian Museum. Abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  14. On the Wing of an Angel. In: The Palestinian Museum. Abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  15. The Palestinian Museum Unveils Murals by Artists of the “New Visions” Group. In: The Palestinian Museum. 9. Dezember 2024, abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  16. 1 2 Sliman Mansour. In: Birzeit University Museum. Abgerufen am 25. August 2026 (englisch).
  17. اعلان أسماء الفائزين بجوائز الدولة لعام 2025. In: Supreme Council of Culture. Abgerufen am 25. August 2026 (arabisch).