Lina Hilger
Lina Hilger (* 8. März 1874 in Kaiserslautern; † 13. April 1942 in Frankfurt am Main) war eine deutsche Pädagogin und Bildungsreformerin.

Leben
BearbeitenHerkunft, Schule, Studium
BearbeitenFamilie und Verwandtschaft
BearbeitenLina Hilger (eigentlich Karolina Maria Friederike)[1] wurde als zweites von drei Kindern einer pfälzischen Familie geboren.[2] Der katholische Vater, Ludwig Hilger, war Jurist und Leiter des Rentamtes in Kaiserslautern; zu seiner Verwandtschaft zählten der Pharmakologe Albert Hilger, der Direktor der pfälzischen Eisenbahnen Albert von Jäger und dessen Vater, der bayerische Pädagoge und Hofrat Georg von Jäger. Lina Hilgers Patentante Sophie Kayser geb. Hilger war die Ehefrau des Heidelberger Altphilologen Karl Ludwig Kayser. Sie hatte auf ihre literarische und musische Bildung großen Einfluss. Die Mutter, Augusta Hilger geb. Eberts († 1906), „eine große strenge Erscheinung“[3] entstammte einer angesehenen, in Kreuznach ansässigen evangelischen Lehrer- und Theologenfamilie.
Zu den Vorfahren zählte der reformierte Pfarrer, Konsistorialpräsident und Superintendent Karl Christoph Eberts (1768–1831), der 1817 die evangelische Kirchenunion an der Nahe zustande brachte sowie sein Sohn Heinrich Eberts (1806–1876), Generalsuperintendent der Rheinprovinz; zur näheren Verwandtschaft gehörten der Apotheker Karl Aschoff, der den Radiumgehalt des Heilwassers in Kreuznach nachwies, sowie die Verlegerfamilie Voigtländer, zur entfernteren der Philosoph Lichtenberg.[4] Augusta Hilger hatte eine Ausbildung als Sängerin absolviert. Die Tatsache der konfessionellen Mischehe hat den Ehefrieden ebenso wenig gestört wie der Altersunterschied von fast 14 Jahren.[5] Als 1881 ein Untergebener des Vaters während dessen krankheitsbedingter Abwesenheit eine große Summe veruntreute und damit ins Ausland floh, musste der Vater als Vorgesetzter den Schaden ersetzen und verstarb im folgenden Jahr (1882); zu allem Unglück kam im gleichen Jahr auch die ältere Tochter Fanny durch einen Treppensturz ums Leben. Die Witwe – nun fast mittellos – zog mit den beiden verbliebenen Kindern noch im gleichen Jahr zurück zur Mutter nach Bad Kreuznach[6], wo sie sich zunächst den Lebensunterhalt durch privaten Gesangsunterricht verdiente, bis ihr nach dem Tod der Mutter (ca. 1894) durch die Erbschaft eine großzügigere Unterstützung der beiden Kinder möglich wurde.[7]
Schulzeit
BearbeitenIn Kaiserslautern hatte Lina Hilger die Fallersche Privatschule besucht; in Kreuznach legte sie an der Rostschen privaten Mädchenschule, wo man Englisch, Französisch und Schülertheateraufführungen besonders pflegte, 1891 die Reifeprüfung ab; der Lehrplan bot dort im Unterschied zum Lyzeum allerdings weder Chemie noch Mathematik oder Kunstgeschichte an, und im Vergleich zu den Jungen-Gymnasien fehlten zusätzlich die alten Sprachen Latein und Griechisch, die als das Kernstück gymnasialer Bildung galten und für eine Laufbahn beim Staat, für Jura, Naturwissenschaften und Medizin unerlässlich waren. 1889 wurde Lina Hilger konfirmiert. Wie die Mutter lebenslang religiös suchend[8], wurde sie später (Mitte der 1920er Jahre) Mitglied der Quäkergemeinschaft, die nach dem Ersten Weltkrieg seit 1920 für Kinder und Bedürftige die sog. Quäkerspeisung initiiert hatte und deren praktisches Christentum ihrem eigenen Wesen entsprach.[9]
Abitur und Studium
BearbeitenNach dem Abitur besuchte sie in Koblenz die sog. „Hildaschule“ des Pädagogen, Schriftstellers und Historikers Karl Hessel (1844–1920)[10] mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar („Lehrerinnenbildungsanstalt“) und bestand dort 1893 die Lehrerinnenprüfung für höhere und mittlere Mädchenschulen; ein Handarbeitslehrerinnenexamen war zuvor verpflichtend. 1894–96 kehrte sie nach Kreuznach zurück und wurde Lehrerin an der von ihr zuvor besuchten Rostschen Schule.[11]
Ein Ferienkurs führte sie 1896 an die Sorbonne nach Paris, und nach Caen in der Normandie, wo sie als Erzieherin arbeitete und sich an der Universität immatrikulierte. 1897 erwarb sie dort ihr „Diplome d'Études Supérieures“.[12] In dieser Zeit unternahm sie auch einen Abstecher nach London. 1897 nach Kreuznach zurückgekehrt, trat sie 1898 eine Stelle als Lehrerin in Deutsch, Französisch und Geschichte in Darmstadt an und bereitete sich darauf vor, mit einer Ausnahmegenehmigung als Gasthörerin an der Universität Bonn zu studieren, um nach zweijährigem Studium das Oberlehrerinnenexamen abzulegen.
Nach dem Studienbeginn in Bonn gründete Lina Hilger im August 1899 – nach den beiden Damenverbindungen in Berlin im Jahr 1898[13] – die dritte in Deutschland:[14], den „Club der Namenlosen“ mit 40–60 Mitgliedern und einem Archiv; der Verein wurde 1904 auf Anregung des Bonner Anglisten Moritz Trautmann in „Hilaritas“, lat. „Frohsinn“, umbenannt.[15] Lina Hilger begriff sich stets als emanzipiert, war aber ohne kämpferische Ambitionen und hegte keinerlei Vorurteile gegenüber Männern. Die Verbindung sollte in erster Linie der Geselligkeit, nicht politischen oder sozialen Zwecken dienen.[16]
1901 legte Lina Hilger in Bonn die Oberlehrerinnenprüfung in Deutsch und Geschichte ab und erwarb damit als eine der ersten Frauen in Deutschland die Lehrbefugnis für höhere Schulen; damit wurde sie anschließend Lehrerin an der Klostermannschen privaten Höheren Mädchenschule in Bonn.
Schulgründerin und -leiterin in Bad Kreuznach
BearbeitenBis zum Schulneubau (1903–1912)
BearbeitenAls der Stadtrat von Bad Kreuznach 1903 die erst 29-Jährige aufgrund ihres bisherigen Wirkens, hervorragender Empfehlungen und einer Petition von Bürgerinnen mit der Gründung und Leitung einer konfessionell paritätischen „Städtischen Höheren Mädchenschule“ betraute[17] – die verpflichtende „Vorsteherinnenprüfung“[18] absolvierte sie 1904 –, wurde sie in dieser Position zur „Vorkämpferin der Reformpädagogik und Wegbereiterin der schulischen Bildung für Frauen“[19] und ihre Kreuznacher Schule „zu einer über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Musterschule“[20]. Der Schulabschluss sollte hier in Zukunft auch den Zugang zur Hochschulbildung ermöglichen.
„Mit einem Schlag war alles anders geworden. Vorher waren wir "höhere Töchter", für die sich vieles nicht schickte [...] . Mit Staunen sahen wir, daß in der neuen Schule diese Dinge garnicht wichtig genommen, ja daß sie garnicht beachtet wurden.[ ...] "Habt ihr euch darüber noch keine Gedanken gemacht?" "Wie würdest du in diesem Falle gehandelt haben?" "Haltet ihr das für richtig?" Das waren Fragen im Unterricht, die mich aufhorchen ließen, und die wir nicht gewohnt waren.“
Exkurs: Das Schulwesen für Frauen zur Zeit Lina Hilgers
BearbeitenDie erste Höhere Mädchenschule war zwar bereits Ende des 17. Jahrhunderts entstanden: das 1698 gegründete Gynaeceum des August Hermann Francke in Halle/Saale; die Mängel dieser Schulart beklagten Frauenrechtlerinnen wie Helene Lange oder Gertrud Bäumer, aber auch Kaiserin Auguste Viktoria oder die Unternehmersgattin und Mäzenin Ottilie von Hansemann noch zu Ende des 19. Jahrhunderts. Die Schulabschlüsse berechtigten nur zum Besuch eines Lehrerinnenseminars, eine externe Abiturprüfung an einem Jungengymnasium war aber erst seit etwa 1890 – nach entsprechender privater Vorbereitung – möglich. Das erste Mädchengymnasium in Deutschland mit Abiturprüfung und Zulassung zum Universitätsstudium wurde dann kurz darauf (1893) von Hedwig Kettler in Karlsruhe gegründet, wo 1899 die ersten Absolventinnen das Abitur ablegten. Erst 1908 wurde in Preußen den Frauen – mit wenigen Ausnahmeregelungen – die Immatrikulation an Universitäten ermöglicht.
Reformpädagogische Ziele und Leistungen
BearbeitenGeprägt durch Reformpädagogik und Frauenbewegung, insbesondere die Frauenbildungsbewegung, gründete Lina Hilger bereits um 1905 den „Lehrerinnenverein“ in Kreuznach, angebunden an den 1890 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein“ (ADLV)[22] Die Kreuznacher Bildungseinrichtung begann zunächst mit der vierjährigen Grundschule und führte in sechs weiteren Jahren zur Mittleren Reife. Nach der Überführung der Grundschule in eine eigene Schulart wurde das Lyzeum sechsjährig weitergeführt, wobei Lina Hilger – im Unterschied zu den wissenschaftlich geführten Gymnasien – die Lehrinhalte um frauenspezifische Themen und entsprechende Schulabschlüsse nach dem Motto „das gleiche Ziel - verschiedene Wege“ ergänzte.[23]
Dabei lehnte sie die „radikale Richtung der Frauenbewegung, die Rechtsgleichheit und Einebnung der Geschlechterunterschiede verlangt, […] ab, sie stimmte vielmehr der Helene Lange'schen Richtung zu, die 'die Eigenart der Frau und ihre Sonderbestimmung als zur Ergänzung männlicher Kultur erforderlich' zur Geltung bringen wollte“[24], also eine nach damaligen Begriffen „geschlechtsspezifische“ Ausbildung. Auch blieb der Anteil der männlichen Lehrkräfte gering oder aufs Nebenamt beschränkt (so u. a. Prof. Kohl). Die durch Auflösung von Privatschulen rasch anwachsende Schule war zunächst auf fünf Gebäude verteilt, die Klassen waren überfüllt, so dass sich bald die Notwendigkeit eines Neubaus zeigte, der auch mit dem Anwachsen des von ihr herangezogenen Mitarbeiterstabs Schritt hielt. Bis dahin (1912) vergingen jedoch noch weitere sieben Jahre.[25]

„Statt als Rektorin nur den Schulalltag zu verwalten, widmete sich Lina Hilger mit großer Energie dem quantitativen und qualitativen Ausbau der Schule“.[26] 1907 richtete sie ein 11. Schuljahr als frauenspezifische Fortbildungsklasse ein, die sog. „Frauenschule“ – zusammen mit der in Berlin errichteten Frauenschule der Frauenrechtlerin Auguste Sprengel (1847–1934) eine der ersten in Deutschland[27], die großes Interesse erregte –, zwei Jahre später ein ebenso ausgerichtetes 12. Schuljahr, jeweils mit reduziertem wissenschaftlichem Anspruch und hauswirtschaftlichem Schwerpunkt, um den Schülerinnen nach dem Schulabschluss berufliche Selbständigkeit und ein eigenes Einkommen als Kindergärtnerin, Hauswirtschaftslehrerin oder Gewerbelehrerin zu ermöglichen. 1909 erhielt diese Institution – damals noch in den alten Räumen – die staatliche Anerkennung als höhere Schule und 1912, mit Errichtung des Schulneubaus, als Oberlyzeum.[28]

Musische und ästhetische Bildung gehörte von Anfang an zum Kernbestand der neuen Schule. Lina Hilger veranlasste und organisierte bis zu ihrem Ausscheiden im Jahr 1933 zahlreiche, zunächst vor allem der Geldbeschaffung (z. B. für Klassenfahrten)[29] dienende[30], vom fast dreißigköpfigen Lehrerkollegium bisweilen als anstrengend empfundene musikalische und darstellerische Darbietungen der Schülerinnen; diese basierten zum Teil auf von ihr selbst verfassten Texten, so etwa ein Theaterstück über Liselotte von der Pfalz.[31] Zahlreiche weitere Stücke erschienen Jahr für Jahr bei renommierten Verlagen wie Callwey und Diesterweg. In der Kunsterziehung mit Zeichnen, Musik und Tanz sah sie die Möglichkeit, Kindern einen Begriff von Schönheit in Natur und Umwelt zu vermitteln und sie zu selbstschöpferischer Arbeit anzuregen.[32] Dazu diente auch der sog. „Schönheitstempel“ als Ruhe- und Besinnungsraum mit dem Abbild der Athena des Myron.
„Werde, was du werden kannst.“
Daneben veröffentlichte sie in Krukenbergs Zeitschrift „Neue Bahnen“ zahlreiche weitere literarische Artikel;[34] jährliche Weimarfahrten (seit 1911) und Rucksackwanderungen mit Übernachtung nach Art des Wandervogels (1908) – für Mädchen damals noch unerhört – gehörten zum schulischen Alltag.
„Fröhlich sei der Schüler, fröhlicher der Lehrer, am fröhlichsten der Direktor!“
Im neuen Schulgebäude (ab 1912)
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Da die Schule zunächst noch über kein eigenes Gebäude verfügte und der Unterricht in verschiedenen Baulichkeiten stattfand, setzte sich Lina Hilger bei der Stadt für einen Schulneubau ein, der daraufhin 1912 erfolgte.[36]
„Im Wesentlichen Einheit, im Unwesentlichen Freiheit, über allem aber die Liebe.“
Ohne jemals eine Schreibmaschine zu verwenden, widmete sich Hilger, oft in Nachtarbeit, „eine[r] ungeheure[n] Korrespondenz“[38] mit Behörden und Elternschaft, um für jede ihrer Schülerinnen die bestmöglichen Bildungs- und Berufswege aufzutun.[39] Das Kollegium, das sie sich selbst zusammengesucht hatte, folgte ihren anspruchsvollen Wünschen und Anregungen nicht immer mit Begeisterung, aber stets loyal.[40]
Lina Hilger vereinte im Ersten Weltkrieg die bestehenden Kreuznacher Frauenvereine zu einem „Nationalen Frauendienst“[41], um soziale und juristische Hilfe zu leisten, und organisierte in ihrer Schule Hilfsdienste (Versorgung von Flüchtlingen, Paketversand an französische notleidende Familien in den besetzten Gebieten, Milchlieferung, Erntearbeit, Armenbetreuung, Mittagstische, Klassenpaten für Kranke), ohne je in Chauvinismus zu verfallen[42].
In der darauffolgenden Besatzungszeit (1918–1930) vertrat sie jedoch einen pragmatischen Umgang mit den annähernd 2.500 Franzosen der Garnison (1/10 der Bevölkerung), die mangels Kasernen großteils bei Privatleuten untergebracht werden mussten, was zu Härten führte.[43]
Lina Hilgers Tätigkeit wurde anerkannt durch ihre Berufung als beratendes Mitglied in die Reichsschulkonferenz (1920) und mehrfache Angebote, in die staatliche Schulverwaltung (Provinzialschulverwaltung, Kultusministerium) zu wechseln[44] sowie durch die Förderung ihrer handwerklich orientierten Frauenoberschule als Modellschule. Wichtig war Lina Hilger auch die Offenheit gegenüber alternativen Schulformen wie der Waldorfschule.[45]
Ihrem pädagogischen Ziel, einen dem Abitur vergleichbaren Schulabschluss auch für junge Frauen anbieten zu können[46], kam sie 1926, nach zahlreichen Informationsreisen zu Schulen in Deutschland und Österreich und kräftezehrenden Verhandlungen mit Ministerium, Stadtrat und Elternschaft, durch den Ausbau der Frauenschule zu einer Frauenoberschule und einem Frauenschul-Oberlyzeum näher. Der Modellversuch fand „außerordentliche Beachtung“, verzögerte sich aber – vor allem aus finanziellen Gründen – immer wieder, doch 1930 konnten acht Schülerinnen das erste Abitur der neuen Art abgelegen.[47] Von da an standen Schule und Schülerinnen Lina Hilgers deutschlandweit in hohem Ansehen.[48] Sie war zudem die erste Deutsche, die den Titel "Frau Direktorin" führen durfte.[49]
Zusammenarbeit mit der Lebensgefährtin Elsbeth Krukenberg
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In ihren Anliegen unterstützte sie dabei seit ihrer Studienzeit die sieben Jahre ältere Bonner Professorenwitwe und Mutter von drei Söhnen[50], die Frauenrechtlerin Elsbeth Krukenberg-Conze, die sie während ihrer Bonner Studentenzeit kennen- und schätzen gelernt hatte und die bereits zur Jahrhundertwende Ehrenmitglied der „Hilaritas“ war.[51] Die lebenserfahrene Frau, die aus einem Professorenhaushalt stammte – ihr Vater, der Klassische Archäologe Alexander Conze (1831–1914), der Direktor der Antikensammlung Berlin, hatte die Ausgrabungen im antiken Pergamon geleitet – und die in Berlin Schülerin von Helene Lange gewesen war[52], hatte bis zum Tode ihres Mannes, des Gynäkologen und Medizinprofessors Gustav Krukenberg, im Jahr 1899 dessen private Frauenklinik in Bonn wirtschaftlich geleitet. Aufgrund der Absprache mit Lina Hilger im Jahr 1899/1900 erwarb sie nun in Kreuznach ein geräumiges Wohnhaus, „Haus Orplid“ genannt – „mein Land, das ferne leuchtet“[53] –, dessen Untergeschoss sie mit ihren drei Söhnen bewohnte, während Lina Hilger mit der langjährigen Haushälterin Nette[54] sowie ihrer Mutter, die sich mit Frau Krukenberg-Conze von Anfang an gut verstand, 1903 in das Obergeschoss einzog.

Im „Haus Orplid“ fanden von nun an regelmäßig literarische und kulturelle Veranstaltungen unter regem Besuch der Kreuznacher Bürgerschaft statt; Gäste wie Albert Schweitzer, Schriftsteller wie Richard Dehmel und Hans Carossa oder Musikerinnen wie Elly Ney machten auf ihren Vortragsreisen hier Station.[55] Krukenberg-Conze, die ihr ganzes Leben im Umkreis der Universitäten von Berlin und Bonn verbracht hatte, erweiterte den kulturellen, praktisch-wirtschaftlichen und politischen Horizont Lina Hilgers, die von den Verhältnissen der pfälzischen Kleinstadt geprägt war, erheblich und war ihr mit Menschenkenntnis, finanzieller Unterstützung[56] und Verhandlungsgeschick bei der Durchsetzung ihrer pädagogischen Anliegen „in engster Zusammenarbeit“ eine große Hilfe – „eine geborene Politikerin“.[57] Den von ihr 1901 in Bonn gegründeten „Rheinisch-Westfälischen Frauenverband“ mit nahezu 9.000 Mitgliedern in 65 Vereinen führte sie als Vorsitzende von Kreuznach aus.[58]
Lina Hilgers Entscheidung, nicht zu heiraten und stattdessen eine Wohngemeinschaft mit der sieben Jahre älteren Mutter von drei Knaben zu begründen, dürfte stark von der 1880 eingeführten gesetzlichen Verpflichtung zum Lehrerinnenzölibat (auch „Beamtinnenzölibat“) beeinflusst worden sein, die die Unvereinbarkeit von Ehe und Beruf festschrieb und mit Abweichungen bis 1951 galt.[59] Bei einer Heirat wurde die Kündigung ausgesprochen, so dass Lina Hilger bei Eingehen einer Ehe ihre gesamte Ausbildung und alle Berufsziele hätte aufgeben müssen. Sie entschloss sich jedoch bereits früh – mit 26 Jahren –, ihre persönlichen und beruflichen Interessen weiter zu verfolgen, was sie durch die Lebens-, Wohn- und Interessengemeinschaft mit der Frauenrechtlerin Krukenberg-Conze wohl in idealer Weise gewährleistet sah. Ihre Mutter unterstützte sie dabei.
Dabei gehörten die beiden Frauen gegensätzlichen politischen Lagern an: Krukenberg-Conze war zwar – ebenso wie Lina Hilger – Quäkerin[60], engagierte Frauenrechtlerin und – mehrfach wechselnd – Mitglied der demokratischen (DDP) und sozialdemokratischen Partei (SPD), wurde sogar als Landtagskandidatin aufgestellt[61], tendierte aber zunehmend nach rechts und wählte seit 1932 die NSDAP. Sie war überzeugte Hitler-Anhängerin[62], ihr Sohn Gustav Krukenberg – bereits 1932 in die NSDAP eingetreten – war Generalmajor der Waffen-SS und SS-Brigadeführer[63], während Lina Hilger zwar ebenfalls national-konservativ eingestellt war, dem Naziregime und dem damit verbundenen Rassenhass jedoch verständnislos, ja feindlich gegenüberstand und als überzeugte Pazifistin seit Kriegsbeginn 1939 ein Ende mit Schrecken kommen sah.[64] Die Verbindung hielt dank der „frei-lassende[n] Freundschaft“[65] gleichwohl bis zu Lina Hilgers Tod.
Burnout am Ende der 1920er Jahre
BearbeitenIm Jahr 1930 musste Lina Hilger – durch die Anstrengungen der vergangenen Jahre gesundheitlich und psychisch ausgelaugt – „Nachtarbeit war ihr zur Regel geworden“[66] –, auf eigenen Wunsch eine halbjährige dienstliche Auszeit beantragen, die sie – ohne Begleitung – zu einer zweimonatigen Bildungs- und Erholungsreise nach Italien nutzte. In Rom fertigte ihre ehemalige Schülerin, die Künstlerin Hanna Cauer (1902–1989), ihre Porträtbüste an.[67] Ihre Reise- und Wanderlust, die sie im Lauf ihres Lebens durch Deutschland und das westliche Europa führte und ihren Niederschlag in zahlreichen Texten, Briefen und bildlichen Darstellungen fand, war ihr zugleich Anregung wie Bedürfnis; das galt ebenso für ihre Freude an der Natur, die sie auch noch im Ruhestand in zahlreichen gut geplanten, durchaus strapaziösen Wanderausflügen auslebte.
Der Umbruch 1933, Ausscheiden aus dem Schuldienst
BearbeitenAls nationalkonservative, aber niemals an eine Partei gebundene Beamtin – „Ich war niemals Mitglied irgendeiner politischen Partei, aber auch niemals Mitglied oder Anhängerin der S.P.D. Ebensowenig war ich je Mitglied einer Friedensgesellschaft“ – umschrieb sie ihre höchste Wertvorstellung mit den Begriffen „Gott – Vaterland – Sittlichkeit“[68], als Leitfigur galt ihr der 1919 verstorbene Theologe und liberale Politiker Friedrich Naumann, der Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP)[69]. Selbst der Bonner liberale Theologe, Schriftsteller und demokratische Politiker Gottfried Kinkel (1815–1882) dürfte zu den inspirierenden Gestalten gehört haben.[70] Die von Großmutter und Mutter geerbte strenge Pflichtauffassung im Sinne des von ihnen hoch verehrten Friedrich Schiller[71] stand in Gegensatz zu ihrem freundlich-zugewandten, oft komödiantisch-humorvollen[72] und künstlerisch veranlagten Wesen – eine innere Diskrepanz, die nicht nur Lina Hilger selbst, sondern auch das Zusammenleben der beiden Lebensgefährtinnen belastete.[73]
Zwar hoffte Lina Hilger nach der Machtübernahme zunächst, ihre Arbeit mit der Ideologie des NS-Staats vereinbaren und sich anpassen zu können, wurde jedoch bald eines Besseren belehrt.[74] Hatte sie ihren Einsatz für das Kreuznacher Kriegshilfswerk 1917 noch damit begründet, dieses fördere „eine Arbeitsweise, die durch andauernde Übung den jungen Menschen daran gewöhnt, sich bedingungslos unterzuordnen, sich mit Ausdauer in ein größeres Ganzes einzufügen und die eigene Person darüber zu vergessen“[75], so räumte sie nach den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und den pädagogischen Fortschritten der Weimarer Republik der Einzelpersönlichkeit und dem Leitbild des freien Individuums inzwischen einen höheren Rang ein:
„Dieser Gegensatz zur Gegenwart! Diese geistige Knebelung … Für mich ist Entwicklung ohne Freiheit undenkbar. Und was für herrliche Individuen haben sich doch auch in dieser Freiheit entwickelt! Aber darüber kann man nicht schreiben.“
Im April 1933 kam es zu einer Anzeige beim Nationalsozialistischen Lehrerbund wegen abträglicher politischer Äußerungen im Unterricht, die sie gegenüber der vorgesetzten Behörde in Koblenz entkräftete; ihre Äußerung, „man müsse sich“ angesichts des Judenboykotts vom 1. April 1933 „nun schämen, ein Deutscher zu sein“, stritt sie dagegen nicht ab.[77] Am gleichen Tag, als sie diese Entgegnung abschickte, wurde von der Kreisleitung der NSDAP ihr vorzeitiger Ruhestand wegen ihres Einsatzes für jüdische Mitbürger im Unterricht und der bei ihr bekannten antinationalsozialistischen Gesinnung gefordert: „Im Lyzeum unter der Leitung der Direktorin wurde bisher die Jugenderziehung von den weiblichen Lehrkräften größtenteils nach pazifistisch, marxistisch, zentrümlichen Tendenzen durchgeführt“.[78]
Eine weitere anonyme Anzeige warf ihr vor, das Hissen der Hakenkreuzfahne verhindert zu haben.[79] Durch den eigenen Antrag auf Pensionierung, den sie am 19. Mai 1933 im Alter von 59 Jahren stellte, nachdem am Mittag dieses Tages auf dem Schulhof gegen ihren Willen eine Bücherverbrennung durch die Hitlerjugend stattgefunden hatte, kam sie der bereits beschlossenen Entlassung zuvor. Der in Parteikreisen bekannte Rückhalt der geschätzten Pädagogin aus den Reihen der Kreuznacher Schülerinnen- und Elternschaft und die verdeckte Hilfestellung der vorgesetzten Behörde in Koblenz bewahrte sie vor härteren Maßnahmen wie dem Entzug ihrer Ruhestandsbezüge. Das Aufstellen ihrer Büste in der Schule, wie von einigen Eltern gefordert, wurde untersagt.[80]
„Das heute früh im Schulhof durch die Hitlerjugend erfolgte Verbrennen von Büchern der Schülerbibliothek, das durch die Verfügung vom 15.5.22 (…) gefordert worden war, zeigt mir, daß allerdings eine "Gleichschaltung" meiner seit 30 Jahren gewohnten Erziehungsmethoden mit den Erziehungsmethoden der 'Nationalen 'Revolution' (…) ausgeschlossen ist. Ich stelle daher den Antrag auf meine Pensionierung.“
Bald nach ihrem Ausscheiden kam es durch Entlassung jüdischer und politisch missliebiger sowie Einstellung neuer Lehrkräfte nach und nach zur Gleichschaltung des Lehrbetriebs im Sinne der NS-Ideologie.[82]
„Wie eine Ironie des Schicksals mutete es an, als dann die von Frau Hilger geschaffene neue Schulform der Frauenoberschule nahezu unverändert zur Normalform der höheren Mädchenschule des 3. Reiches erklärt wurde.“
Innere Emigration, Einsatz für NS-Opfer bei den Quäkern
BearbeitenIhrem Leitbild des „praktischen Christentums“ folgend[84] half Lina Hilger nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst seit 1933 regelmäßig bei den englischen und deutschen Quäkern in Falkenstein (Königstein) und später, bis 1937, in Bad Pyrmont; dort wurde im Rahmen des Rest Home Projekts den aus den Konzentrationslagern und Haft entlassenen Opfern des NS-Regimes in angemieteten Gebäuden in ruhig gelegenen Orten eine Erholung von den erlebten Strapazen geboten und ihnen gegebenenfalls ein Anfang im Ausland, u. a. in Palästina, ermöglicht.[85] Für die ehemaligen Häftlinge, unter ihnen Ernst Reuter, galt dabei das strenge Verbot, jemandem von ihren Erlebnissen zu berichten. Lina Hilger war wie ihre jüdische Schülerin und spätere Biographin Margot Pottlitzer-Strauss mehrfach als sog. „Hausmutter“ (Betreuerin) für die 8–12 in- und ausländischen Gäste beiderlei Geschlechts tätig, die sich in den kurhausähnlichen Heimen einige Wochen erholen konnten. Den Vorschlag, die Leitung einer Quäkerschule für verfolgte Kinder aus Deutschland im holländischen Ommen zu übernehmen, lehnte sie dagegen ab, sie wollte nicht ins „Exil“.
„Die Menschen sind wahnsinnig. Noch nie, scheint mir, war Güte und Menschlichkeit weniger wert als heute und nie notwendiger.“
Umzug nach Bad Teinach
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Lesekreis und vereinzelte Fachartikel hielten den Kontakt zum früheren Berufsleben aufrecht, doch 1935 fiel der Entschluss zum Verkauf des Hauses und zum Wegzug: 1936 siedelte Lina Hilger mit der fast 70-jährigen Lebensgefährtin, die ein ruhigeres Leben wünschte, nach Bad Teinach in die Abgelegenheit des Schwarzwaldes. Dort führten sie in einem nach ihren Vorstellungen neu gebauten Anwesen – wieder „Haus Orplid“ genannt –, ein zurückgezogenes, aber vor allem im Sommer gastfreundliches Leben mit viel Besuch.[87] Durch ihre umfangreiche Korrespondenz – Hilger schrieb bis zu 15 Briefe am Tag[88] – hielt sie Kontakt zu ehemaligen Schülerinnen und Freunden. Ihre Reiselust konnte sie durch akribisch von ihr vorbereitete sommerliche Kunst- und Bildungsreisen, die sie seit 1934 organisierte, im alten Freundeskreis ausleben.

Das Zusammenleben der beiden Frauen war aufgrund ihrer charakterlichen Unterschiede nicht spannungsfrei: Lina Hilgers unentwegter Schaffens- und Bildungsdrang, ihr Pflichtbewusstsein – nun ohne berufliches Umfeld – kontrastierte mit der gelasseneren Herangehensweise der Lebensgefährtin, und ihre Sorge um die sieben Jahre Ältere nahm für diese zeitweise beunruhigende Züge an. „Nur bei wenigen Menschen“ z. B. ihrem Bruder, den sie oft in München besuchte, „ließ sie sich frei gehen, ruhte sie wirklich.“[89]
Die vielen Besuche, eigene Buchprojekte, Sprachunterricht für Ausreisewillige, Korrespondenz, Buchbesprechungen[90], ihr Einsatz für verfolgte Juden – vor allem nach den Novemberpogromen 1938 – und Andersdenkende sowie das ihr eigene „Sich-Zersplittern“[91] überstiegen bisweilen ihre Kräfte.
„Ich bin manchmal sehr müde und denke, wie schön es wäre, einmal wieder Ferien zu haben und dann gar nicht zu müssen. Aber Ferien hat man nicht mehr, wenn der Beruf aufgehört hat – natürlich nicht."“
Tod und Nachleben
BearbeitenDie wahre Ursache ihrer Erschöpfung war eine Brustkrebserkrankung, die bereits 1939 diagnostiziert wurde und der sie am 13. April 1942 in einem Frankfurter Krankenhaus[93] im Alter von 68 Jahren erlag.[94] Ihre Urne wurde noch im gleichen Jahr im Familiengrab Krukenberg-Conze in Bonn-Endenich beigesetzt.[95]

Ehrungen
Bearbeiten- Bis in die 1990er Jahre war in Bad Kreuznach der „Lina-Hilger-Bund“ tätig, ein Verein ehemaliger Schülerinnen mit eigener Zeitschrift und 1978 863 Mitgliedern. Auf seine Initiative geht die Benennung der Schule nach Lina Hilger im Jahr 1959 zurück.[96]
- Auf dem Kreuznacher Friedhof wurde ein Gedenkstein mit Inschrift errichtet.
- Nach Lina Hilger wurde eines der drei Gymnasien in Bad Kreuznach benannt sowie die an der Schule entlangführende Straße.
Bewertung, Urteile
Bearbeiten„Sie fragen mich, ob ich Fräulein Hilger trotz ihrer Jugend zu Leitung einer Schule für geeignet halte. Darauf kann ich zu meiner Freude nur antworten, daß ich, sowie ich sie durch vier Jahre hindurch in allen möglichen Situationen kennen gelernt habe, mir gar keine geeignetere Persönlichkeit denken kann. … Ich habe selten einen Menschen gesehen, der so rasch eine Situation erfaßt und mit klarem Verstand und warmem Herzen durchdringt...“
„Sie ist tatsächlich ein Nummer-Eins-Mädchen.“
„Eine der feinsten und schöpferischsten Pädagoginnen ihrer Generation.“
„Lina Hilger war in vielen Dingen ihrer Zeit voraus und doch ganz stark Kind ihrer Zeit.“
Übernamen, Spitzname
BearbeitenBildliche Darstellungen
Bearbeiten- Bronzebüste, Zeichnungen und Tonbüsten, ausgeführt von ihrer Schülerin, der Kreuznacher Künstlerin Hanna Cauer, im Besitz der Schule.[104]
Literatur
Bearbeiten- 50 Jahre Elisabeth-Charlotte-Schule Bad Kreuznach. Ohne Ort [Bad Kreuznach]: ohne Jahr [1953].
- Margot Pottlitzer-Strauss: Lina Hilger. Ein Lebensbild. Bad Kreuznach 1961. – Mit 8 Fotos. Die Autorin der einzigen Biographie über Lina Hilger, Margot Strauss verh. Pottlitzer (1909–1988), Tochter eines Kreuznacher Schuhhändlers, war Schülerin von Lina Hilger; sie wurde 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft bei der Kreuznacher Lokalzeitung als Journalistin entlassen. Sie betreute als „Hausmutter“ im Rahmen des Rest Home Projekts – wie Lina Hilger – entlassene Opfer des NS-Herrschaft und emigrierte nach der Verwüstung des elterlichen Geschäfts in der Reichs-Pogromnacht 1938 im Jahr 1939 nach England; die Mutter kam 1942 im KZ Theresienstadt um. Biographie
- Doris Köhler: Lina Hilger. 8.3.1874-8.3.1974. Die Gründerin der deutschen Frauenschule. Ohne Ort : ohne Jahr [1974].
- LiHi 1903-1978. Von der Städtischen höheren Mädchenschule zum Staatlichen Lina-Hilger-Gymnasium Bad Kreuznach. Festschrift zum 75jährigen Bestehen des heutigen Staatlichen Lina-Hilger-Gymnasiums Bad Kreuznach als öffentliche höhere Schule. Bad Kreuznach: Staatliches Lina-Hilger-Gymnasium 1978.
- Horst Silbermann: Lina Hilgers Ausscheiden aus dem Amt der Schulleiterin am Städtischen Lyzeum Bad Kreuznach im Jahre 1933. In: Landeskundliche Vierteljahresblätter 39 (1993), S. 77–98.
- Annette Kuhn (Hrsg.): 100 Jahre Frauenstudium. Frauen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dortmund: edition Ebersbach 1996.
- Thomas Roth: Lina Hilger (1874–1942). In: Kuhn: 100 Jahre Frauenstudium (1996), S. 130–133. – „Der folgende Lebenslauf entstand weitgehend auf der Basis der – deutlich sympathisierenden Biographie von Margot Pottlitzer-Strauß … , die gleichwohl etwas 'gegen den Strich' gelesen wurde“, S. 133.
- Lina Hilger. In: Claus Bernet: Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst. Ein biographisches Lexikon. 2. erweiterte und verbesserte Auflage. Bautz, Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-469-4, S. 83–85.
- Horst Silbermann: Bad Kreuznach. 19. Mai 1933 auf den Schulhöfen des Gymnasiums und des Lyzeums. In: Julius H. Schoeps, Werner Treß (Hrsg.): Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933. Hildesheim 2008, S. 29–41.
- Horst Silbermann: Die Pädagogin Lina Hilger (1874–1942). Ein Lebensbild zum 150. Geburtstag. In: Bad Kreuznacher Heimatblätter 6/2025, S. 1–6, mit zahlreichen Fotos. Digitalisat
Weblinks
Bearbeiten- Literatur von und über Lina Hilger im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Onlinebiographie
- Lina-Hilger-Gymnasium
- / Lebenslauf mit Foto
- Bad Kreuznacher Schule war offenbar NS-treuer als angenommen – Artikel auf der Website des SWR
Einzelnachweise
Bearbeiten- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 31.
- ↑ Die ältere Schwester Fanny (1871–1882) starb früh, der jüngere Bruder Eduard Olivier (1872–1938) wurde Jurist; Pottlitzer-Strauß S. 17 und 27.
- ↑ Elsbeth Krukenberg, zit. bei Pottlitzer-Strauß S. 49
- ↑ Pottlitzer-Strauß, S. 11, 13.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 16 und 26
- ↑ Haus Mühlenstr. 41, im Krieg zerstört, später Standort eines Krankenhauses.
- ↑ Gleichzeitig zog Auguste Hilger in die Schlossstraße 10 um; Pottlitzer-Strauß S. 29, Adressbuch 1894.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 19 f.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 64 f.
- ↑ Karl Hessel, ein Nachfahre des Kreuznacher Maler-Dichters Maler Müller, setzte sich für die Frauenbildung in Lehrbüchern und Zeitschriften ein, u. a. in Zusammenarbeit mit Helene Lange. Biographie Karl Hessel. Lina Hilger hielt ihrem ehemaligen Mentor 1920 in Kreuznach die Grabrede; Pottlitzer-Strauß S. 28–29
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 29
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 30 f. – Das Diplome d'Études Supérieures wurde 1886 auf Initiative des Historikers Ernest Lavisse (1842–1922) eingerichtet und entsprach dem heutigen Magister. In Paris und der Normandie bildete sich auch die mit Lina Hilger gleichaltrige Pädagogin und Bildungsreformerin Hanna Glinzer weiter.
- ↑ Erna Frerichs: Die Geschichte der Hilaritas-Bonn. In: Festschrift zum 16. Verbandstag, 1906-1926. Verband der Studentinnenvereine Deutschlands (V.St.D.). Halle 1926, S. 12–16, in Reimform. Hilger gründete ihr zufolge nicht nur den Verein, sondern leitete zur 25-Jahrfeier (1924) auch persönlich das "Hilarenfest" in Bonn; Frerichs S. 13 und 15.
- ↑ Laut Pottlitzer-Strauß war dies "die erste weibliche Studentenverbindung", zu ergänzen wäre jedoch: "in Bonn"; S. 33
- ↑ Frerich S. 13. Die Mitgliederzahl betrug ihr zufolge "wohl 60" Studentinnen; ebda.
- ↑ Roth, Lina Hilger, S. 131, Pottlitzer-Strauß S. 33.
- ↑ "Im Hau-Ruck-Verfahren", um der Gründung einer konfessionell gebundenen katholischen höheren Mädchenschule zuvorzukommen, die die "Gefahr einer in alle Lebensverhältnisse eingreifenden Spaltung" mit sich bringen würde", so Bürgermeister Kirschstein; Silbermann, Lina Hilger, S. 1, sowie ders. in Lina Hilger (2003), S. 20. – Es gab die Eccardtsche, Senckelsche und Rostsche Vorschule für Jungen und Mädchen, wovon die Rostsche Schule als Städtische Höhere Mädchenschule mit einer neuen Leiterin übernommen wurde; Pottlitzer-Strauß S. 39 f.
- ↑ "Vorsteherin", heute vergleichbar mit Amts- oder Behördenleiterin
- ↑ Michael Vesper, Vorankündigung Vortrag Silbermann 2024
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 41
- ↑ 50 Jahre Elisabeth Charlotte-Schule, S. 9
- ↑ Der ADLV kam 1933 der Gleichschaltung zuvor, indem er sich zuvor in Erfurt selbst auflöste. Geschichte des ADLV
- ↑ Rede von Lina Hilger zum 25jährigen Schuljubiläum 1928; zitiert nach Silbermann S. 2
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 41–42
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 43
- ↑ Roth, Lina Hilger, S. 131
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 45
- ↑ Roth, Lina Hilger, S. 131; Pottlitzer-Strauß S. 46
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 78 f.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 45
- ↑ „Sie selbst erzählte oft, sie hätte gerne Schauspielerin werden wollen.“ Silbermann S. 1; Pottlitzer-Strauß S. 27
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 66 ff.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 62
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 34 und 49.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 54 und Silbermann, Lina Hilger, S. 2, von Lina Hilger unter Bezug auf Hrabanus Maurus, den "Lehrmeister Germaniens" (Praeceptor Germaniae) zitiert.
- ↑ Das Gebäude in der Wilhelmstraße, Ecke Traubengasse wurde nach der Zerstörung durch Luftangriffe 1945 nicht wieder aufgebaut, erst sechs Jahre später wurde ein Neubau an anderer Stelle errichtet, das heutige "Lina-Hilger-Gymnasium" (Internetauftritt)
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 54
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 80
- ↑ Ein Beispiel bei Pottlitzer-Strauß S. 47 f.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 62 f.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 57
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 57
- ↑ Roth, Lina Hilger S. 132; Blum-Gabelmann, Besatzungszeit. Zeitweise war im "Haus Orplid" das französische Offizierscasino untergebracht; Pottlitzer-Strauß S. 61.
- ↑ Pottlitzer-Strauß, S. 72
- ↑ Zum Beispiel durch Veranstaltung von "Monatsfeiern"; Roth, Lina Hilger S. 132, Pottlitzer-Strauß S. 63 f.
- ↑ Nicht zuletzt deshalb, weil die neuen Pädagogischen Akademien für Volksschullehrerinnen seit 1925 das Abitur voraussetzten; Pottlitzer-Strauß S. 72
- ↑ Silbermann S. 3, Pottlitzer-Strauß S. 78, wegen seiner hauswirtschaftlichen Ausrichtung auch despektierlich als „Puddingabitur“ bezeichnet; in 50 Jahre Elisabeth Charlotte-Schule, S. 30, wird dies auf die Deformation des Schulkonzepts im 3. Reich zurückgeführt (A. Schönborn).
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 80
- ↑ 50 Jahre Elisabeth Charlotte-Schule, S. 53
- ↑ Gustav *8.3.1888, Ernst *28.3.1889 und Werner *30.4.1895, später Leiter des Evangelischen Jugendamts in Düsseldorf (Pottlitzer-Strauß S. 102) mit Sohn Georg (1927-ca. 2015) und Tochter Frauke (1924–2022); die Daten laut Grabstein in Bonn-Endenich, die Angaben der Familiendatenbank sind teilweise geschätzt.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 33
- ↑ Wahlkämpfe S. 19
- ↑ Zunächst Salinenstr. 65, nach dem Umzug 1912 Salinenstr. 61 Ecke Philippstraße, heute eine Tierarztpraxis. Orplid, eine imaginäre Insel wie Atlantis, Thule und Utopia, ein Reich der Naturnähe, Phantasie und Romantik, das der Schriftsteller Eduard Mörike in seinem Gedicht "Gesang Weylas" beschrieb, ästhetische Gegenwelt und Fluchtort zugleich; 1888 von Hugo Wolf vertont, dürfte es die Anregung zur Benennung gegeben haben; auch die Sopranistin Lotte Lehmann (1888–1976) benannte ihr Heim in Santa Barbara, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin Frances Holden seit 1939 nach der Emigration wohnte, nach dem Hugo-Wolf-Lied "Orplid".
- ↑ Nette betreute nacheinander Großmutter, Mutter und Tochter Ebert/Hilger; sie starb 1924; ihre Charakteristik bei Pottlitzer-Strauß S. 71
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 42, 52, 69, 71. Dadurch wurde gelegentlich das „gastfreundliche Haus zum beunruhigenden Betrieb“; Elsbeth Krukenberg-Conze zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 69
- ↑ So übernahm sie 1908 die gesamten Kosten des ersten Frauenschul-Versuchsjahres und organisierte 1910 eine Spendensammlung für die Sozialarbeit der Schule; Pottlitzer-Strauß S. 45 und 47
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 36–37, 41, 42–43.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 51, Wahlkämpfe Digitalisat, Anm. S.18 und "Adressbuch der Stadt Kreuznach 1910", S. 420. Sie arbeitete bisweilen „bis zur Erschöpfung“.Pottlitzer-Strauß S. 52
- ↑ Audio zum Lehrerinnenzölibat
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 64 f.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 43
- ↑ "Nach einer Rede Hitlers 1932 war Elsbeth Krukenberg-Conze überzeugte Nationalsozialistin und blieb dies zeitlebens. Mit ihrer politischen Einstellung isolierte sie sich relativ schnell innerhalb der Quäker, und ihre Bemühungen, der Gesellschaft der Freunde eine nationalkonservative Ausrichtung zu geben, endeten in einem erbitterten Streit mit dem damaligen Schriftführer Hans Albrecht. Nationalsozialistische Tendenzen innerhalb der Quäker lassen sich ansonsten schwer nachweisen." Quäker in Nationalsozialismus, S. 34.
- ↑ Peter Schöttler: Dreierlei Kollaboration. Europa-Konzepte und deutsch-französische Verständigung – am Beispiel der Karriere von SS-Brigadeführer Gustav Krukenberg, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, 9 (2012), 3, S. 365–386 Digitalisat. Peter Schöttler ist ein Urenkel von Elsbeth Krukenberg-Conze, ihr Sohn Gustav Krukenberg war sein Großvater.
- ↑ Tagebucheintragung Lina Hilgers; Silbermann, Lina Hilger (2025), S. 6.
- ↑ Nach Rilke, von Lina Hilger für die Beziehung zwischen ihr und der Freundin gebraucht; zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 49.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 79. Sie war, wie ihr Hausarzt sich ausdrückte, "… durch zu große Arbeit (Gestaltung neuer Schulform, dauernde längere Nachtarbeit)... sehr stark überlastet", zit. nach Silbermann, S. 4
- ↑ Das Schularchiv besitzt einen tagebuchartigen Reisebericht von literarischer Qualität; Silbermann S. 4
- ↑ Stellungnahme Lina Hilgers an die Stadtratsfraktion 1933, zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 84 ff. Siehe ebda S. 65–66 sowie Kuhn (Hgb.), 100 Jahre Frauenstudium, S. 63
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 93
- ↑ Herkunft, Lebenslauf, künstlerische und religiöse Ansichten von Kinkel stimmten weitgehend mit den ihrigen überein; die "Hilaritas" hielt ihr Abschlussfest in dessen Stamm-Weinlokal in Oberkassel (Bonn), und Kinkels Frau Johanna gehörte gleichfalls zu den Vorläuferinnen der Frauenrechtsbewegung, war in Bonn gesellschaftlich gut vernetzt und hatte dort ebenfalls einen literarisch-geselligen Verein, den "Maikäferbund", mitbegründet; Pottlitzer-Strauß S. 95, S. 34, ebenso Roth, Lina Hilger S. 132. Zum "Maikäferbund" (1840–1847) siehe Hermann Rösch: Gottfried Kinkel. Dichter und Demokrat. Königswinter : Lempertz 2006, S. 40 ff.
- ↑ Auguste Hilger organisierte noch 1905, kurz vor ihrer Erblindung und ein Jahr vor ihrem Tod, in Kreuznach die Zentennalfeier zu Schillers 100. Todestag und gründete und leitete dazu eine Ortsgruppe mit 80 Mitgliedern; Pottlitzer-Strauß S. 19 und S. 50, 56.
- ↑ Beispiele bei Pottlitzer-Strauß S. 50–52
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 49, 69, 111, 113.
- ↑ Kuhn (Hgb.), 100 Jahre Frauenstudium, S. 63.
- ↑ Lina Hilger: "Kann die Frauenschule zur Frauenlehrzeit werden?". In: Frauenbildung Jg. 1917, zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 59.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 96
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 81–84
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 84; in der Tat behandelte Lina Hilger im Unterricht und in Lesekreisen auch "Das Kapital" von Karl Marx, Briefe von Rosa Luxemburg und Damaschkes Bodenreform; Pottlitzer-Strauß S. 66.
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 86
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 89
- ↑ Silbermann, Lina Hilgers Ausscheiden aus dem Amt, S. 84, zitiert nach Kuhn, 100 Jahre Frauenstudium, S. 63.
- ↑ Lina Hilgers Stellvertreterin, die zentrumsnahe Katholikin Dr. Mathilde Gantenberg, wurde gleichfalls aus politischen Gründen entlassen und musste sich bis 1945 zunächst als Bäuerin, dann als Buchhändlerin ihren Lebensunterhalt verdienen. Eine 2025 eingerichtete Arbeitsgruppe am Lina-Hilger-Gymnasium arbeitet zurzeit die Schulzeit 1933–1945 auf.
- ↑ 50 Jahre Elisabeth Charlotte-Schule, S. 56. Seit diesem Zeitpunkt waren nur noch Männer als Schulleiter tätig. 1946 wurde die alte Schulordnung von 1930 reaktiviert (LiHi, S. 40).
- ↑ Roth, Lina Hilger S. 132
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 91–93, ihre Tätigkeit dort im Einzelnen S. 104
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 94.
- ↑ Eine eigens gereimte, launige Hausordnung regelte das Beisammensein der Gäste, wobei auch auf die Spendenkasse hingewiesen wurde. Pottlitzer-Strauß S. 97–98.
- ↑ Silbermann, S. 6
- ↑ Elsbeth Krukenberg, zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 49 sowie S. 93, 99, 103.
- ↑ Rezension von Ernst Wiechert, Das einfache Leben, in Die Frau, hgb. von Gertrud Bäumer, Bd. 47 (1940), S. S198–201; Pottlitzer-Strauß S. 109 f., S. 111. Gertrud Bäumer selbst schrieb ihr in der "Frau" den Nachruf; Pottlitzer-Strauß S. 117.
- ↑ Elsbeth Krukenberg-Conze, zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 108
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 106 f.
- ↑ Ihr behandelnder Arzt war der Röntgenologe Hans Holfelder (1891–1944), ein Neffe von Elsbeth Krukenberg-Conze, SS-Oberführer und fanatischer Antisemit.
- ↑ Horst Silbermann: Die Pädagogin Lina Hilger (1874-1942). Ein Lebensbild zum 150. Geburtstag. In: Bad Kreuznacher Heimatblätter 6/2025, S. 1–6, S. 6. Digitalisat; Pottlitzer-Strauß S. 105 f.
- ↑ Urnenbeisetzung 1942 im Grab Friedhof Bonn-Endenich, Abt.II, 6970
- ↑ Mitgliederzahl und Chronik in LiHi S. 97–99. – Zeitschrift: 1956–1965 Lina-Hilger-Bund, Verband der ehemaligen Schülerinnen und Freunde der Lina-Hilger-Schule Bad Kreuznach e. V., 1966–1979: Lina-Hilger-Bund, Vereinigung früherer Schülerinnen und Freunde des Lina-Hilger-Gymnasiums Bad Kreuznach e. V.; bis 1968 unregelmäßig, ab 25/1971 jährlich, laut Stadtarchiv bis 1991.
- ↑ Auszug aus dem Beurteilungsschreiben; Pottlitzer-Strauß S. 39-40
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 39
- ↑ Gertrud Bäumer, Nachruf auf Lina Hilger 1942; nach Silbermann, Lina Hilger, S. 6
- ↑ Lina Hilger, Vorwort S. 8
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 62
- ↑ Pottlitzer-Strauß S. 31.
- ↑ Der Pädagoge Herman Nohl (1879-1960), zit. nach Pottlitzer-Strauß S. 103
- ↑ Foto der Bronzebüste
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Hilger, Lina |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Pädagogin |
| GEBURTSDATUM | 8. März 1874 |
| GEBURTSORT | Kaiserslautern |
| STERBEDATUM | 13. März 1942 |
| STERBEORT | Frankfurt am Main |