Gizella Tary

ungarische Schauspielerin und Fechterin

Gizella Tary (* 19. November 1884 in Szolnok, Königreich Ungarn; † 8. Februar 1960 in Budapest) war eine ungarische Schauspielerin und Florett-Fechterin. Sie war Olympiateilnehmerin 1924 und 1928 sowie Pionierin und Förderin des Frauenfechtens in Ungarn.

Gizella Tary (1924)

Gizella Tary kam in Szolnok als eines von zehn Kindern eines Zimmermanns zur Welt, bereits mit elf Jahren arbeitete sie bei ihrem Vater in der Werkstatt.[1] Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr war sie in der Tischlerei ihres Vaters tätig.[2] Im Alter von 20 Jahren schrieb sie sich an der privaten Budapester Szidi-Rákosi-Schauspielschule ein,[3] die sie drei Jahre später abschloss. Anschließend war sie Mitglied einer Theatergruppe. 1920 unterschrieb sie einen Vertrag mit dem Kedélyes Kabaré, mit der Gruppe spielte sie auf dem Land und in einem kleinen Theater in Pest.[1]

Darüber hinaus betätigte sie sich als Autorin und verfasste mehrere Theaterstücke. 1924 wurde ihr musikalisches Volksschauspiel in drei Aufzügen Mátkaság (deutsch Verlobung), zu dem Zoltán Kárpát die Musik schrieb,[4] in Pécs und anschließend im Lujza-Blaha-Theater in der Stadt Újpest aufgeführt. Wie in ihren anderen Arbeiten entnahm sie das Thema von Mátkaság der ungarischen Folklore. In dem Stück gestaltete sie die Liebesgeschichte eines bedürftigen Tagelöhners und eines Mädchens aus dem Dorf.[1] Elf ihrer Einakter wurden in den Kabaretts der Hauptstadt gespielt.[1][5]

Sie stand in mehreren Stücken auf der Bühne, unter anderem in Ferenc Molnárs Der Leibgardist und in Gyula Kövárys urkomischer Operette Út a Bolondház belé. Nach ihren sportlichen Erfolgen war sie häufig im Apollo-Theater auf der Bühne zu sehen, sie wollte vor allem als Schauspielerin anerkannt werden. 1929 spielte sie in der neuen Operette des Operettentheaters Budapest mit dem Titel Kikelet ucca 3 an der Seite von Schauspielgrößen wie Erzsi Somogyi und Gyula Kabos.[1]

Gizella Tary starb am 8. Februar 1960 in Budapest,[2] ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Öffentlichen Friedhof in Rákoskeresztúr.[3]

Fechtkunst und Olympiateilnahme

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Als Schauspielschülerin erlernte sie die Grundlagen des Fechtens von Gyula Lovas. Er wurde auf ihr Talent aufmerksam und auf seine Initiative hin wurde sie am Fechtinstitut von Károly Fodor aufgenommen.[5] Zu dieser Zeit gab es nur wenig Schülerinnen, die den Fechtsport ausübten, dementsprechend trainierte sie mit den Männern.[3] Im März 1908 nahm sie erneut sehr erfolgreich an einem Fechtabend teil.[1]

Am 13. März 1909 fand in Bratislava die erste ungarische Meisterschaft im Fechten der Frauen statt.[2] Tary gewann das Turnier mit sechs Siegen,[5] hierbei teilte sie 24 Stiche aus und musste nur einen Stich einstecken.[3] Nach ihrem Sieg berichteten die Zeitungen in Bratislava über sie,[1] was zu ihrer größeren Bekanntheit beitrug. In den nächsten eineinhalb Jahrzehnten bestritt sie keine Wettkämpfe, stattdessen arbeitete sie als Schauspielerin und Theaterautorin.[3]

Gisèle Tary in Paris bei den Olympischen Sommer­spielen, 1924

Anfang des Jahres 1924 kündigte das Internationale Olympische Komitee an, dass Fechten eine olympische Sportart werden würde. Tary, die mittlerweile 40 Jahre alt war, begann sechs Monate vor den Spielen in Paris erneut mit dem Training.[3] Sie trat dem Spárta Athletikai Club bei, dem sie bis 1930 angehörte.[2] Ab Anfang März trainierte sie in Újpest bei dem Fechtmeister Italo Santelli.[1] Er trainierte sie kostenlos, da er ihr Talent und vor allem ihre Ausdauer erkannte. Die Sommerspiele in Paris waren die erste Teilnahme für Ungarn. Tary wurde vom ungarischen Verband nicht gefördert, sie musste die Reisekosten selbst aufbringen. Mit der finanziellen Unterstützung des ungarischen Botschafters in Berlin sowie ihrer Schwester und zwei „‚klapprigen‘ Degen“ fuhr Tary nach Paris.[3]

Der Wettkampf im Florett-Fechten der Damen fand vom 2. bis zum 4. Juli statt. Es traten 25 Fechterinnen aus neun Nationen an. Nach zwei Runden im Round-Robin-System qualifizierten sich sechs Fechterinnen für das Finale, darunter Tary. Sie wurde hierbei zwar Letzte,[6] schrieb aber trotzdem Geschichte, als erste ungarische Fechterin in einer olympischen Wertung. Tarys Erfolg verschaffte dem ungarischen Fechten insbesondere auch bei den Frauen einen Aufschwung.[3] Anschließend wurde sie von dem Fechtmeister László Gerentsér trainiert.[2]

Tary konnte zwischen 1925 und 1929 dreimal die nationalen Meisterschaften gewinnen.[1][5] 1928 nahm sie noch einmal an den Olympischen Spielen teil, im Endresultat kam sie auf einen guten 5. Platz.[7] 1930 gewann sie auch die Tatra-Meisterschaft.[1]

Im Sommer 1931 absolvierte sie die Prüfung zur stellvertretenden Fechtmeisterin vor dem staatlichen Prüfungsausschuss für Fechtmeister – dies geschah mit einer Sondergenehmigung des Kulturministers, da die geltenden Statuten die Zulassung von Frauen in diesen Rang nicht vorsahen. Fünf Jahre später hatte sie bereits den Meisterstatus erreicht und übernahm die Betreuung des Teams in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Berlin. Ilona Elek, die unter dem Einfluss von Tary das Fechten erlernt hatte, gewann die Goldmedaille in der deutschen Hauptstadt.[1]

Im Jahr 1948 wurde Tary in den Vorstand der Meister des ungarischen Fechtverbands berufen.[2] Sie arbeitete jahrzehntelang als Fechtmeisterin.[5]

Nachleben

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Zu ihren Ehren wurde ab 1960 einige Jahre das Gizella-Tary-Gedenkturnier veranstaltet,[2] Gewinnerinnen waren unter anderem Katalin Juhász, Ildikó Rejtő und Lídia Dömölky.[3]

Die erste ungarische Goldmedaillengewinnerin bei Olympischen Spielen, Ilona Elek, erinnerte 1968 in dem Buch Így vívtunk mi, das sie zusammen mit ihrer Schwester Margit verfasst hatte, an Gizella Tary: „... talán nem kapta meg életében azt a megbecsülést, amelyet megérdemelt volna. Nem voltak többé kimagasló eredményei, sikerei, de az ő pályafutását nem az eredmények szemszögéből kell értékelni, hanem abból kiindulva, hogy elindított valamit és átadta a stafétabotot azoknak, akik a győzelmi dobogó legmagasabb fokára jutottak.[8] – auf Deutsch übersetzt: „... vielleicht hat sie in ihrem Leben nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdient hätte. Sie erzielte zwar keine herausragenden Ergebnisse oder Erfolge mehr, doch ihre Karriere sollte nicht unter dem Gesichtspunkt der Ergebnisse bewertet werden, sondern ausgehend davon, dass sie etwas ins Rollen gebracht und den Staffelstab an diejenigen weitergegeben hat, die es auf die höchste Stufe des Siegerpodests geschafft haben.“

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Commons: Gizella Tary – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 László Pincési: Gonosz mostohából vált olimpiai hőssé a puhuló férfiak között. In: 24.hu. 25. April 2020, abgerufen am 16. Juli 2026 (ungarisch).
  2. 1 2 3 4 5 6 7 Tary Gizella 1884. In: hajramagyarok.hu. Abgerufen am 20. Juli 2026 (ungarisch).
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Tary Gizella. In: vivomuzeum.hu. Abgerufen am 16. Juli 2026 (ungarisch).
  4. Hajna Futaky: A Pécsi Nemzeti Színház műsorának repertóriuma bibliográfiával (1895–1949), első rész. Országos Színháztörténeti Múzeum és Intézet, Budapest 1992, ISBN 963-7602-81-X, S. 365 (ungarisch).
  5. 1 2 3 4 5 Tary Gizella. In: Magyar Életrajzi Lexikon. Abgerufen am 31. Juli 2026 (ungarisch).
  6. Foil, Individual, Women. In: olympedia.org. Abgerufen am 16. Juli 2026 (englisch).
  7. Gizella Tary. In: olympedia.org. Abgerufen am 16. Juli 2026 (englisch).
  8. Ilona Elek, Margit Elek: Így vívtunk mi. Sport, Budapest 1968, S. 43 (ungarisch).