Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Nährboden von Open Source hervorgetan. Das Linux-Magazin blickt auf Distributionen, Personen und Veranstaltung aus den letzten 25 Jahren.
Die Geschichte von Linux hat besonders in Deutschland kräftige Wurzeln. In den Anfangsjahren gab es viele Distributionen. Der Linuxtag, gegründet 1996, galt lange als führende Linux-Konferenz in Europa, und Matthias Ettrich & Co. haben mit KDE einen wichtigen Schritt in der Desktop-Entwicklung getan.
Rudolf Strobl hatte 1994 das Linux-Magazin als eine Art Sprachrohr für die Deutsche Linux User Group (DELUG) aus der Taufe gehoben und ist als amtierender Vorstand mit der Linux Information System AG dem Linux-Metier treu geblieben. Er erinnert sich, dass 1995 eine Anzeige im Magazin 98 D-Mark kostete und dass die ersten Kunden Suse, Delix, Unifix und LST waren. Daneben gab es auch noch die Easy-Linux-Distribution vom Bodensee.
DLD von Delix
Delix bot den Kunden als Premium-Version die DLD (Deutsche Linux Distribution, Abbildung 1) und eine günstige Slackware-Version an. Dirk Haaga hatte Delix im Jahr 1994 zusammen mit Nils Mache und Jens Ziemann gegründet. Red Hat kaufte die Firma im Jahr 1999. Dirk Haaga war bis zu seinem tragischen Unfalltod im Jahr 2006 Geschäftsführer von Red Hat Deutschland und auch für den Vertrieb in Europa zuständig.
Rudolf Strobl erinnert sich auch an den damaligen Werdegang der beiden anderen Gründer: “Nils Mache, der technische Kopf von DLD, besaß eine Zope-Firma. Jens Ziemann leitete den Trainingsbereich von Red Hat in Deutschland.”
LST
Im Jahr 1993 formierten die Studenten Ralf Flaxa und Stefan Probst in Erlangen das Linux Support Team (LST) und boten in der Folge eine gleichnamige Distribution an. In der Ankündigung von LST heißt es: “Wir wollen mit unserer Distribution keine Konkurrenz zu guten Distributionen wie Slackware oder Debian sein. Wir wollen nur die neueste Version der LST (Abbildung 3) zur Verfügung stellen, die besonders für Einsteiger interessant sein dürfte, da alle deutschen Anpassungen bereits integriert sind.” Ralf Flaxa (Abbildung 2), der heute President of Engineering bei Suse ist, war damals FTP-Admin der Universität Erlangen.
Debian in Deutschland: Interview mit Martin ,Joey’ Schulze
Martin ,Joey’ Schulze hat Informatik studiert, beschäftigt sich seit etwa 1992 mit Linux, ist seit Jahrzehnten im Debian-Projekt auch aktiv und hat dort viele Teams aufgebaut, in denen die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt ist.
Linux-Magazin: Das 1993 von Ian Murdock aus der Taufe gehobene Debian GNU/Linux ist heute die bedeutendste Firmen-unabhängige Linux-Distribution. Wann ist Debian im deutschsprachigen Raum angekommen und wann Du bei Debian?
Martin Schulze: Unter Entwicklern galt Debian GNU/Linux schon 1994 als Geheimtipp. Besonders interessant war die Organisation von Paketen, denn schon damals haben die Debian-Entwickler Abhängigkeiten zwischen Paketen definiert – längst nicht so detailliert wie heute. Heutzutage unabdingbar bei der Menge an Bibliotheken, Diensten und Programmen.
Die Anwendergemeinde war damals allerdings noch sehr klein. Bei einer größeren Entwickler-Gemeinschaft ist Debian GNU/Linux zirka 1997 angekommen. Damals haben viele deutsche Entwickler nicht nur bei der Betreuung von Softwarepaketen mitgeholfen, sondern aktiv den ersten Port der Distribution auf eine nicht Intel-basierte Architektur vorangetrieben, den Port auf Prozessoren der Serie 680×0 von Motorola. Im Juli 1998 wurde die gesamte Distribution erstmals offiziell parallel für diese Distribution herausgegeben.
Einen Wendepunkt markiert wohl der Linuxtag 1999 in Kaiserslautern. Auf dieser Veranstaltung haben deutsche Debian-Entwickler erstmals gemeinsam einen öffentlichen Messestand und Vorträge organisiert und sich somit der Öffentlichkeit präsentiert. Von diesem Jahr an ist das Debian-Projekt regelmäßig auf vielen Messen und Konferenzen durch unterschiedliche Entwickler vertreten, darunter auch die Cebit, allen voran jedoch der Linuxtag.
Ich selbst bin 1995 zum Debian-Projekt gestoßen. Damals war es das einzige Projekt, das eine vollständige Distribution mit Linux als Kernel unter freiheitlichen und gemeinschaftlichen Gesichtspunkten entwickelt hat. Alle anderen Distributionen zum damaligen Zeitpunkt wurden von Einzelpersonen, Firmen oder Universitäten herausgegeben und gepflegt. Da war eine Mitarbeit schwierig.
Einzig das Debian-Projekt hat damals schon den gemeinschaftlichen Charakter weitergetragen und eine Entwickler-Gemeinschaft aufgebaut, die die Distribution in all ihren Facetten pflegt. Das Debian-Projekt war natürlich damals noch weit entfernt vom aktuellen Umfang und der aktuellen Professionalität der Dienste. Die Kommunikation war zu dem Zeitpunkt auf wenige Mailinglisten beschränkt. Wenige bedeutet in diesem Fall sogar weniger als fünf.
Linux-Magazin: Waren die Anwender und CD-ROM-Distributoren in Mitteleuropa damals schon reif für die Debian-typische konservative Versions-Politik, den umfassenden Mangel an deutschsprachiger Dokumentation und die nahezu unplanbaren Release-Zeitpunkte?
Martin Schulze: Als Entwickler oder Anwender war man zu dem Zeitpunkt froh, wenn man jemanden gefunden hatte, der CDs mit Debian GNU/Linux vertrieben hat. An deutschsprachige Dokumentation war überhaupt nicht zu denken. Englisch war die etablierte Sprache in weltweiten Internetprojekten. Die ersten CD-Distributoren mussten sich erst noch trauen. Das Debian-Projekt hat von Anfang an auf Freiheit gesetzt und die gesamte Distribution – inklusive ISO-Images – auf FTP-Servern vertrieben. Als Interessent benötigte man nur einen Internetanschluss, und der Download konnte starten. Das macht es für eine auf Profit ausgerichtete Firma natürlich schwierig, ein Produkt basierend auf Debian GNU/Linux zu entwickeln.
Teilweise waren die Sonderausgaben der deutschen Entwickler anlässlich des jährlich stattfindenden Linuxtags eine der wenigen Quellen für Installationsmedien von Debian GNU/Linux.

Abbildung 2: Der 1. Linux Kongress in Heidelberg mit Linus Torvalds auf den Schultern von Dirk Hohndel und Eric Youngdale (v.l.) sowie den heutigen Suse-Mitarbeitern Olaf Kirch und Ralf Flaxa (1. Reihe, 3. und 4. v.l.).
Aus den studentischen Anfängen der LST resultierte dann die LST Software GmbH. 1997 kauft Caldera die GmbH von Ralf Flaxa und Stefan Probst. Die Entwickler brachten fortan neben der RPM-basierten LST-Distribution auch Caldera Open Linux heraus. Flaxa und Probst führten in der Folge die Geschäfte von Caldera Deutschland.
Das amerikanische Management von Caldera entpuppte sich als Meister in Umfirmierungen und im Verbrennen von Kapital, erinnert sich Rudolf Strobl. Caldera habe der Linux-Portierung von Star Office rund 800 000 Mark zugeschossen und in die Röhre geschaut, als Star Division die Software zum Download freigab.
Ein großer Coup sollte, so Strobl, im Jahr 2000 die Übernahme von SCO werden. Aber das sei misslungen. “Nach dem Ausscheiden von CEO Ransom Love benutzt die Geschäftsleitung die gut eingeführte Marke SCO nun wieder. Die Niederlassung in Erlangen entsorgte sie Ende 2001 still. Die Mehrzahl der Mitarbeiter wechselten zum United-Linux-Projekt und damit zu Suse. Amüsant: Ralf Flaxa leitete danach die Entwicklung von United Linux weltweit, während Stefan Probst die Pakete der Suse-Produkte verantwortete.”
Star-Office-Intermezzo
In Lüneburg entstand mit Starwriter (Abbildung 4) und später Star Office ein für die damalige Zeit revolutionäres Produkt, wenn auch anfangs für das Z80-System Schneider/Amstrad und später für Windows. Dass Sun Microsystems Star Office kaufte und später den Quellcode offenlegte, gilt auch als Geburtsstunde von Open Office und der nach einem Fork von Open Office gegründeten Document Foundation, die Libre Office einführte.
![Abbildung 4: Starwriter aus der von Marco Börries gegründeten Star Division <a href="#artRef-i2">[2]</a>.](https://www.linux-magazin.de/wp-content/uploads/2017/10/Starwriter_compact_2-150x112.jpg)
Abbildung 4: Starwriter aus der von Marco Börries gegründeten Star Division [2].
Unifix, die fast Vergessene
Die Unifix Software GmbH hatte bis zur Geschäftsaufgabe 1998 in Braunschweig ihren Sitz. Das Basisprodukt – so hieß es auf der Webseite von Unifix [1] – ist die Quick-Start-Linux-Distribution, die ein komplettes Linux-System mit Binaries auf einer CD-ROM sowie ein Installations-Faltblatt beinhaltet. Gegründet haben das Unternehmen Bernd Hübner und Ruediger Helsch. “Trotz technischer Finesse und Posix-Zertifizierung setzte sich Unifix nicht durch”, erinnert sich Rudolf Strobl. Bernd Hübner habe sich aus der Linux-Szene zurückgezogen und die Hübner Rechnersysteme gegründet.
KDE-Desktop
Sein 20-jähriges Jubiläum hat das Kool Desktop Environment (KDE) (Abbildung 5) schon hinter sich. Matthias Ettrich hatte Ende 1996 in Tübingen zusammen mit Martin Konold in der Cafeteria der Universität die Idee, der Oberfläche von Windows 95 Konkurrenz zu machen. KDE 1.0 wurde im Juli 1998 veröffentlicht.
Bei der Linux World Expo 2000 in Frankfurt hat KDE sogar den Linux Community Award gewonnen, den Linus Torvalds dann auch persönlich überreichte.
Linuxtage im Rückblick
Nils Magnus ist einer der Begründer des Linuxtags und erinnert sich an die Anfänge – und weiß nebenbei auch ein launiges Geburtstagsständchen für den Jubilar Suse zu singen:
“Linux ist ein internationales Phänomen. In Teilbereichen sind regional inspirierte Aktivitäten feststellbar. Zwei in Deutschland entstandene sind Suse und der Linuxtag. Suse hat den Linuxtag über seine komplette Lebenszeit begleitet. Schon in den frühen Jahren, als die Kernelversion erst ganz frisch die Eins vor dem Punkt trug, hat die Unix-AG der Universität Kaiserslautern einen Ausleihservice von CDs für Studierende und Mitarbeiter organisiert, denn Downloads waren in den frühen 1990ern entweder langwierig oder kostspielig. Den CD-Packs mit der schicken 3-D-Visulaisierung mathematischer Singularitäten trauern manche Mitglieder auch heute noch nach.
Aus der Unix-AG entstand der Linuxtag, und aus einem heute als Meetup bezeichneten Treffen von 70 Enthusiasten im Januar 1996 erwuchs binnen zweier Jahre eine veritable Konferenz mit ein paar Tausend Besuchern.
Zu der Zeit beschloss der Linuxtag eine wegweisende Weichenstellung: Wir wollten den Linuxtag auch für Unternehmen öffnen, die kommerzielle, aber dem Open-Source-Gedanken verpflichtete Pläne verfolgten. Da war es nur folgerichtig, dass Suse einer der ersten Hauptsponsoren der Veranstaltung wurde, andere waren der deutsche Vorläufer von Red Hat, Delix, das heute nicht mehr aktive Pios und Linuxland, das auch heute noch Linux-Software vertreibt.
Suse war zu dieser frühen Zeit dafür bekannt, sich um Linux-Anwender zu kümmern, die sich nicht mit dem American Standard Code for Information Interchange (Ascii) zufriedengeben wollten, sondern die erwarteten, dass das Drücken der [ö]-Taste tatsächlich auch ein »ö« im Text erzeuge. Suse bot seine umfangreiche Dokumentation auch direkt in deutscher Sprache an, weshalb die Distribution sicherlich die erste Wahl vieler Linux-Einsteiger aus dieser Zeit gewesen ist.
Diese Nähe zu den Linux-Anwendern, sei es in der Distribution selbst, in der Technik oder der Distribution war ein Markenzeichen, und der damalige Marketing-Chef Chris Egle war dessen Gesicht. Im Jahr 1998 war die damalige Suse-Distribution sogar auf der offiziellen Linuxtag-CD-ROM zu finden. Ambitionierte versuchen einmal, so eine Distribution zu starten!” [3]
Pioniere
Linuxtag-Pionier Magnus fährt fort: “Für den Anbieter einer Linux-Distribution trägt zur Glaubwürdigkeit bei, wenn er sich aktiv an der Gestaltung von Linux beteiligt. Das lässt sich gut an der Beteiligung von Sprechern beim Linuxtag ablesen, die auf der Gehaltsliste der Chamäleon-Distribution standen: Als einer der ersten sprach der Initiator von Amavis, Rainer Vosseler, im Jahr 2000 über Virenschutz unter Linux. Andere Sprecher im gleichen Jahr waren Tauch- und Linus-Freund Dirk Hohndel, der damals als CTO des Unternehmens wirkte und der stets ebenso bibelfeste wie streitbare Michael Meeks, der seine Meriten erst mit Gnome und später diversen Office-Geschmachsrichtungen erwarb.
Apropos Gnome: Ohne Suse wäre die Linux-Desktop-Welt zweifellos um eine Dimension ärmer, als sie es heute ist. Kaum eine andere große Distribution hat dem langjährigen Gnome-Antagonisten KDE so lange die Stange gehalten wie Suse. Auch wenn heute die Lage differenzierter ist, wurde lange Zeit der von Matthias Ettrich gestartete KDE-Desktop stark mit Suse in Verbindung gebracht. Ex-KDE-Präsident Cornelius Schumacher, X-Urgestein Egbert Eich und KDE-Entwickler Daniel Molkentin haben alle auf dem Linuxtag den Desktop hochgehalten.
Suse hat es immer verstanden, technische Exzellenz und Vordenker zu gewinnen und auch über die eigene Produktstrategie hinaus auf Konferenzen wie dem Linuxtag darüber berichten zu lassen. VM-Experte Alexander Graf, Kernel-Troubleshooter Jan Blunck und auch der zum Inner Circle des Linux-Kernels gehörende Entwickler Greg Kroah-Hartman waren auf dem Kernel-Kwestioning-Podium dabei, das wir jährlich im Vortragsprogramm hatten.”
Getränke-fokussiert
Eines machte Nils Magnus stutzig: “Woher kam bloß diese Fixierung der Kröten-Jünger, wie sie sich bisweilen selbstironisch nannten, auf Getränke? Den Auftakt machte im Jahr 2008 Nat Friedman, der von Gnome über Novell zu Suse kam und dort Suse Studio vorantrieb. Retrospektiv war die Idee von damals dem aktuellen Docker-Trend nicht ganz unähnlich: Es ging darum, möglichst einfach Betriebssystem und Software zu bündeln und eine Börse dieser Images anzubieten: Funktional arbeiten die heutigen Container nicht viel anders. Die Basis von allem war die Minimal-Distribution Je OS (“Juice” gesprochen), was für den versierten Wortspieler die Vorlage war, mit einigen Saftpressen zu hantieren und Obst zu quetschen.
Höherprozentig ging es dann bei einer vom Community-Manager Jos Poortvliet organisierten Kooperation der Distributionen Open Suse und Fedora zu. Mit Bier der Sorte Old Toad und Hotdogs feierten 2012 die beiden Projekte eine der legendären After-Show-Partys (Abbildung 6). Eine elegantere Note besprach Open-Source-Sommelier und Winzer Christian Boltz zusammen mit Marcus Meissner. So mäanderte der Vortrag dann auch zwischen Wine (der Emulation) und Wein (dem Traubenprodukt) hin und her und mündete schließlich in einer Verkostung (Abbildung 7), die auch mundete.”
Infos
-
Unifix: http://www.unifix.de/index.html
-
Star Division: http://de.wikipedia.org/wiki/Star_Division
-
Linuxtag-CD 1998: ftp://ftp.align.de/pub/mirror/linuxtag2002/history/1998/html/distribution.html











