Abstract
Die Beschäftigung mit den Maßstäben und Folgen von moralischem oder amoralischem Handeln ist ein zentrales Thema theologischer Forschung. Ausgehend von der Wahrnehmung, dass es in öffentlichen Debatten gegenwärtig immer schwerer wird, der Spirale aus unsachlichen Moralisierungen und polemischen Moralisierungsvorwürfen zu entgehen, rekonstruiert dieser Beitrag die Christentumsgeschichte als eine Dauerdebatte über moralisierende und entmoralisierende Interpretationen der neutestamentlichen Botschaft und fragt nach christlichen Impulsen zur Vermeidung der Moralismus-Falle. Die prominente Kritik Martin Luthers an der mittelalterlichen Bußpraxis erscheint dabei als fundamentaler Einwand gegen ein moralistisches Verständnis der Gott-Mensch-Beziehung, dem zufolge sich der Mensch die Gnade Gottes durch Leistung verdienen könne oder müsse. An die Stelle der Forderung an den Einzelnen, sich durch persönliche Anstrengungen moralisch zu qualifizieren, tritt die Einsicht, dass alle Menschen auf unauflösliche Weise in Sünde verstrickt sind und zu solch einer Selbstqualifizierung gar nicht imstande wären. Hieraus folgt neben einer allgemeinen Angewiesenheit auf Erlösung auch eine moralische Egalität, die allen moralischen Überlegenheitsgefühlen oder -ansprüchen die Grundlage entzieht. Vor Gott ist kein Mensch moralisch besser als der andere. Am Beispiel des ökumenischen Dialogs über die christliche Sünden- und Rechtfertigungslehre zeigt dieser Beitrag zudem auf, wie eine nicht- oder entmoralisierende Verständigung inmitten bleibender inhaltlicher Differenzen und Streitpunkte aussehen kann. Eine besondere Bedeutung wird hierbei der Aufnahme des Dialogs als solcher beigemessen, durch die bereits eine Beziehung auf Augenhöhe konstituiert wird. Deutlich wird aber auch: Trotz aller theologischen Argumente zugunsten einer Entmoralisierung und aller Einsicht in Endlichkeit und Nichtverallgemeinerbarkeit der eigenen Sichtweise - gänzlich vermeiden lassen sich moralisierende Urteile nicht.Engaging with the standards and consequences of moral and immoral action is a central task of theological research. There is an increasing difficulty to avoid the downward spiral of non-objective and polemical moralizing accusations in public dialogue. To avoid such a moralistic trap, this essay reconstructs the history of Christianity as an ongoing debate about moralizing and demoralizing interpretations of the New Testament witness with a particular focus on Christian impulses. Martin Luther’s prominent critique of medieval penitential practice proves to be a fundamental objection to a moralistic conception of the divine and human relation whereby human beings can and must earn God’s grace through performance. For Luther the requirement for the individual to qualify oneself morally through personal effort is replaced by the insight that all human beings are indissolubly entangled in sin and would therefore not even be capable of such self-qualification. Beyond a mere dependence on redemption, this sinful entanglement results in a moral equality depriving one of all moral feelings or claims of superiority; no human being is morally greater than the other before God. Ecumenical dialogue surrounding the Christian doctrine of sin and justification provides a framework for understanding what a non- or demoralizing understanding achieves alongside remaining substantive differences and points of contention. In this context, particular importance is given to the initiation of dialogue as such, which already constitutes a relationship on equal grounding from the start. Moreover, the essay also directs attention to the theological arguments in favor of demoralization and the insights into the finiteness and inability for generalizability of one’s own perspective. In the end, moralizing judgements cannot be avoided completely.