Abstract
Sollen, ja dürfen die Therapeutinnen und Therapeuten bei jedem Patienten alles anwenden, was sie können? Stehen Wirkung und Nebenwirkung in einem angemessenen Verhältnis? Wie kann der Patientenwunsch auch dann zum Tragen kommen, wenn der zu Behandelnde ihn nicht äußern kann? Sind lebensverlängernde oder lebensverkürzende Maßnahmen geboten und auch erlaubt? Diese Fragen beschäftigen uns in der Medizin, solange wir denken können. Die Medizinethik konnte den Diagnostikern und Therapeuten in der Vergangenheit in vielen Fällen im konkreten Abwägungsprozess am Krankenbett Hilfestellungen leisten. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Situation der Gesundheitsanbieter allerdings grundlegend verändert und erfordert heute differenzierte Antworten auf viele neue Fragen. Diese Veränderungen haben dazu geführt, dass heute Entscheidungen, die sich auf die Behandlung von einzelnen Patienten massiv auswirken können, weit weg vom Krankenbett an Konferenztischen getroffen werden. Viele dieser neuen Entscheider sind sich der Tragweite ihres Tuns häufig gar nicht bewusst. Sie wähnen die Verantwortung für die konkrete Ausgestaltung der Leistung für einzelne Patienten nach wie vor fast ausschließlich bei den ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitern. Ähnliches gilt auch für Techniker, deren wachsender Einfluss auf diagnostische und therapeutische Tätigkeiten nicht unterschätzt werden darf. Dieses gilt insbesondere, seit viele Arbeitsprozesse in Gesundheitsunternehmen mehr und mehr von der Ausgestaltung und Funktion der Informationstechnologie abhängig sind. Ethik kann sich aus diesen Gründen nicht mehr nur auf das Geschehen unmittelbar um den Patienten herum auf den Einzelfall beziehen, sondern muss systemisch die gesamte Organisation der Gesundheitsunternehmen und weiterer Institutionen erfassen. Im Umkehrschluss müssen sich die Entscheider aus allen Berufsgruppen sowie auf den verschiedenen Hierarchieebenen mit der ethischen Relevanz ihres Handelns auseinandersetzen.