Abstract
Dieser Beitrag analysiert Machtstrukturen und den Umgang mit Verantwortung im deutschen Gesundheitswesen aus sozialwissenschaftlicher, ethischer und politisch-ökonomischer Perspektive. Im Mittelpunkt steht die bislang wenig sichtbare Rolle der sozialen Arbeit im Krankenhaus, die maßgeblich zur Reduktion der Verweildauer, zur Wahrung eines rechtssicheren Entlassungsmanagements und zur Stabilisierung interprofessioneller Abläufe beiträgt. Die Untersuchung zeigt, dass ökonomische Steuerungsmechanismen, DRG-Anreize und strukturelle Engpässe einen wachsenden „Moral Distress“ in Behandlungsteams hervorrufen und Machtasymmetrien zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Professionen verstärken. Durch theoretische Konzepte wie Care-Ethik, Patient*innenautonomie und Prinzipienethik sowie durch zwei detaillierte Fallbeispiele zur Überbelegung psychiatrischer Stationen bzw. zu politisch angeordneten Spezialaufnahmen ohne Nachsorgeplanung werden zentrale Spannungsfelder erkennbar, die aus unklaren Verantwortungszuweisungen, unzureichender Nachsorgeplanung und einem historisch geprägten gesetzlichen Verantwortungsmodell resultieren, das in gegenwaertigen Steuerungs- und Organisationsformen fortgeschrieben wird. Der vorliegende Beitrag plädiert für eine zeitgemäße Balance zwischen organisatorischer Verantwortung, professioneller Handlungskompetenz und politischer Mitverantwortung. Ein strukturiertes Ethikmanagement, die Erweiterung sozialtherapeutischer und sozialdienstlicher Ressourcen sowie eine Reform der Finanzierungslogik helfen dabei, Macht fair zu verteilen, „Moral Distress“ zu reduzieren und Entscheidungen systematisch am Wohl der Patient*innen auszurichten.