Abstract
Rudolf Otto schrieb ein viel gelesenes Buch Das Heilige (1917, 22. Aufl. 1932) über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Früher schon ist uns das Heilige in der Gegenwartsphilosophie begegnet bei Windelband, wo er es definiert als das Normalbewußtsein des Wahren, Guten und Schönen, erlebt als transzendente Wirklichkeit. Auch Scheler führt als besondere geistige Werte die des Heiligen und Unheiligen an, wobei dem Werte des Heiligen die höchste Stufe zukommen soll. Während aber bei diesen Autoren der mit diesem Worte zu verbindende Begriff von der populären Bedeutung nicht wesentlich abweicht, erhält er durch Otto ein ganz besonderes Gepräge. Das Heilige soll als „Numinoses“ das irrationale Objekt eines gefühlsmäßigen Erlebens sein, eine Kategorie vollkommen sui generis, nicht definierbar, nur erörterbar, indem man bestrebt ist, dem Hörer dadurch zu ihrem Verständnis zu helfen, daß man versucht, ihn durch Erörterung zu dem Punkte seines eigenen Gemütes zu leiten, wo sie ihm dann selber sich regen, entspringen und bewußt werden muß. Diese von Otto angegebene Methode ist die richtige und in allen Fällen geübte, wo man jemandem den Ursprung von Begriffen klar zu machen sucht, der einzig auf dem Wege der inneren Erfahrung zugänglich ist. Wir sind nicht anders vorgegangen, als wir die sogenannten Begriffe des Guten und Vorzüglicheren explizierten. Otto sucht uns nun zur Kategorie des Heiligen zu führen, indem er zuerst angibt, was das Heilige nicht sei. Dieses sanctus, sagt er, ist nicht „vollkommen“, nicht „schön“, „erhaben“ oder auch nicht „gut“), andererseits hat es mit diesen Begriffen eine bestimmt fühlbare Übereinstimmung, es ist eben auch ein Wert, und zwar ein objektiver Wert, zugleich ein schlechthin unüberbietbarer, ein unendlicher Wert. Es ist der numinose Wert, dem auf seiten der Kreatur ein numinoser Unwert entspricht. Wenden wir unsere Analysen auf diese Bestimmungen an, so ergibt sich, daß das Heilige etwas sei, im Hinblick worauf eine als richtig charakterisierte, mit welchem Dinge immer vergleichende Wertung, unmöglich anders als jenes bevorzugend sein kann.