Abstract
„Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird. Ich will meinesgleichen einen Menschen in der ganzen Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein.“ (OC I, 7). Diese Worte, mit denen Rousseau das erste Buch seiner Confessions eröffnet, haben einen dreifachen performativen Wert: Sie erklären das Werk zu einer Untersuchung, namentlich der Erforschung eines Menschen, wobei der konkrete Gegenstand der Untersuchung, jenes „Ich“ (OC I, 7) ist, dass im Verlauf des Werkes erst entwickelt werden soll, bis aus dem anfänglichen „Ich“ derjenige geworden ist, der die Feder in die Hand nimmt, um das Werk zu schreiben. Rousseau hat also nicht ganz Unrecht, wenn er für sein autobiographisches Werk Einzigartigkeit und Originalität beansprucht. Denn die Bekenntnisse sind keine bloßen „Erinnerungen“ (Mémoires), wie sie seit der Renaissance von bedeutenden Persönlichkeiten verfasst und veröffentlicht wurden, sondern sie erfüllen vielmehr die Kriterien, die seither der literarischen Gattung der Autobiographie zugeschrieben werden, einer Gattung, der Jean-Jacques Rousseau eine einzigartige und beispiellose Prägung verliehen hat.