Abstract
Liebe ist ein mehrdeutiger Begriff, und diese Mehrdeutigkeit wird am eindrucksvollsten im Werk von Jean-Jacques Rousseau dargestellt. Da ist zunächst die Unterscheidung zwischen Selbstliebe (amour de soi-même) und Eigenliebe (amour propre), die den Übergang von der natürlichen Tendenz zur Selbsterhaltung zu den sozialen Folgen des Vergleichs beschreibt. Es folgt die Unterscheidung zwischen dem Physischen und dem Moralischen im Liebesgefühl, die den Unterschied zwischen dem Geschlechtstrieb, der im Naturzustand vorhanden ist, und dem Liebesgefühl bezeichnet, das aus der Vorliebe für die geliebte Person entsteht, wenn man im Besitz der rationalen Fähigkeiten ist, die dem gesellschaftlichen Zustand eigen sind. Die Moral der Liebe findet ihre volle Entfaltung in Jean-Jacques Rousseaus Briefroman Julie, ou la Nouvelle Héloïse (1761, OC II), dem Ort der Verwirklichung der amour passion, die man als die Leidenschaft der Leidenschaften bezeichnen könnte.