Abstract
Um die Tragweite der Hirnforschung zu klären, müssen wir verstehen, was es mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und ihrer kausalen Analyse auf sich hat. Zentral für die Naturwissenschaften ist die experimentelle Zerlegung der Phänomene, die sich seit der Renaissance von der Anatomie über die Kunst und Architektur und die Mechanik in immer weitere Wissensgebiete ausbreitete; dazu kam die Auffassung, dass das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik verfasst ist. Galileis experimentelle Methode und Newtons Suche nach den „wahren“ Ursachen der Phänomene waren grundlegend für die naturwissenschaftliche Entwicklung. Physiker, Chemiker, Biologen oder Hirnforscher gehen immer in zwei Richtungen vor: analytisch oder top-down – vom Ganzen zu den Teilen, von den Wirkungen zu den Ursachen; und umgekehrt synthetisch oder bottom-up – von den Teilen zum Ganzen, von den Ursachen zu den Wirkungen. Der top-down-Ansatz zielt auf eine atomistische und kausale Erklärung der Phänomene, während der bottom-up-Ansatz umgekehrt zeigen soll, ob die Erklärung funktioniert – ob sie die Ausgangsphänomene erklärt und darüber hinaus neue Phänomene vorhersagt. Das Kapitel arbeitet diese Methoden und ihre Tragweite in Grundzügen heraus und behandelt dabei auch folgende Fragen: Was sind eigentlich Phänomene? Sind sie genuine Bestandteile der Natur, oder sind die Entdeckungen der Naturforscher nicht eher Konstrukte? Was sind die Leistungen und Grenzen dieser Methoden, von der Physik bis hin zu den top-down- und bottom-up-Ansätzen der Hirnforschung, die darauf zielen, die Brücke zwischen physischen und mentalen Phänomenen zu schlagen?