Abstract
Das Kapitel Eine Anthropologie der Moderne beleuchtet die Entwicklung von Löwiths Forschungen in seiner Zeit als Privatdozent in Marburg von 1928 bis 1933. In dieser sehr produktiven Phase, als er nach seiner Heirat und der Aufnahme seiner Lehrtätigkeit ein geregeltes, ‚bürgerliches‘ Leben führte, widmete er sich neben Autoren wie Marx und Nietzsche neueren Ansätzen im Umfeld von Psychoanalyse, Soziologie, Sprachphilosophie und philosophischer Anthropologie. Der Einfluss Heideggers prägte noch das universitäre Umfeld, das für Löwith einen produktiven Austausch mit dessen Nachfolger Erich Frank, dem Theologen Rudolf Bultmann sowie mit Gadamer und Krüger bedeutete. Hier entwickelte er eine eigene, weniger urteilende, vielmehr beschreibende Herangehensweise an die untersuchten Denker, aus denen er großzügig zitierte. Dank seines mitfühlenden Zugangs zu wahlverwandten Autoren rückte Löwith den Menschen ins Zentrum seiner Erörterungen. Durch diese, von Nietzsche inspirierte ‚philologische Skepsis‘ prägte Löwith, wie Eugen Fink konstatiert hat, einen eigenen Epoché-Begriff in Absetzung von Husserl. Person und Individuum, Selbstbestimmtheit und Suizid machten in ihrer Ambivalenz die Themen seiner Arbeiten aus. Entscheidend für Löwiths Ansatz war sein Studium von Marxens Frühschriften und die Auseinandersetzung mit Max Weber, woraus eine Hinwendung zur gesellschaftlichen Problematik resultierte. In diesem anthropologischen Kontext zog er Nietzsche und Kierkegaard zur Frage einer möglichen Überwindung des Nihilismus heran, die Löwith auch in seinen Briefen an Leo Strauss thematisiert.