Skrofulose

historischer Begriff für Hals- und Gesichtsgeschwülste
(Weitergeleitet von Skrofeln)

Skrofulose (auch Skrofeln oder Scrofuloderm, von lateinisch scrofula für „Halsdrüsengeschwulst“; Verkleinerungsform von scrofa) ist die historische Bezeichnung einer Hauterkrankung. Am ehesten handelte es sich dabei um eine Tuberkulose der Halslymphknoten.[1]

Heinrich IV. beim Heilungsritual
Skrofulose im Halsbereich (zervikale Lymphadenitis)

Begriff und Symptome

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Nach Dornblüths klinischem Wörterbuch (1927)[2] handelt es sich bei Skrofulose bzw. Skrofeln[3] um einen älteren Begriff, der nach damaligem Sprachgebrauch in zwei sich überschneidenden Bedeutungen verwendet wurde: zum einen für eine „exsudative Diathese“, also eine konstitutionelle Neigung, auf unbedeutende Reize mit chronischen Entzündungen zu reagieren, die als Vorstufe, von manchen Autoren auch bereits als Form der Tuberkulose aufgefasst wurde, zum anderen für eine Tuberkulose des Kindesalters mit chronischen Entzündungen der Lymphdrüsen, Haut, Schleimhaut, Knochen.

Mit dem Begriff „Skrofeln“ wurde im Mittelalter ein umfangreiches Krankheitsbild bezeichnet, das auch verschiedene andere Hals- und Gesichtskrankheiten umfasste, die auch bei Erwachsenen auftraten und in einigen Landstrichen wohl endemisch waren. Die Bezeichnung leitet sich aus fratzenartigen Verzerrungen des Gesichtes an, die an ein Ferkel[4] erinnert.[1] In der heutigen Terminologie wird der Begriff Skrofulose nicht mehr verwendet.[5] Als ein Heilmittel galt die Braunwurz, die daher den Gattungsnamen Scrophularia erhielt.

Heilungsrituale

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Seit dem 11. Jahrhundert bestand in Westeuropa die Vorstellung, dass der König durch die bei der Krönungszeremonie vollzogene Salbung zum Thaumaturgen werde, also Wunderheilungen, bewirken könne, insbesondere bei Skrofulose. Diese übernatürlichen Heilkräfte wurden unter anderem Robert II. von Frankreich und Eduard dem Bekenner von England zugeschrieben. Ab etwa dem 13. Jahrhundert bis in die Frühe Neuzeit glaubte man in Frankreich und in England, der rechtmäßig gesalbte König könne Skrofeln durch bloßes Handauflegen heilen, englisch als the king’s touch[6] bezeichnet. Diese Vorstellung spiegelt sich in Bezeichnungen wie the king’s evil im Englischen oder Koningszeer im Niederländischen[7] – also „Königskrankheit“ – für die Skrofulose wider. In England und Frankreich war ein entsprechendes Heilungsritual daher Teil der Krönungsriten und wurde regelmäßig, zeitweise sogar täglich, an Kranken ausgeübt, die oft eigens dazu aus weit entfernten Landesteilen anreisten. In Frankreich spielte dabei seit Ludwig X. der Besuch am Grab des heiligen Markulf nach der Krönung eine wichtige Rolle.

Infolge der Reformation änderte sich die Einstellung zu dem Ritual. Dem schottischen König Jakob VI. aus dem Haus Stuart, der 1603 als Jakob I. auch in England den Thron bestieg, erschien der dort bestehende Glaube an die Wunderwirkung als unprotestantische, katholische und abergläubische Tradition. Er ließ sich nur widerwillig auf das Heilungsritual ein, indem er dessen Wirkung sublimiert als Gebet deutete.[8] Sein Enkel Karl II. hingegen, dessen Vater und Vorgänger 1649 hingerichtet worden war, übte das Handauflegen wieder intensiv aus, um nach der Restauration der Stuart-Monarchie auch die Wiederherstellung der sakralen Dimension des Königtums zu demonstrieren. In seiner Regierungszeit von 1660 bis 1685 legte er mehreren zehntausend, vielleicht bis zu 100.000 seiner Untertanen, d. h. etwa zwei Prozent der Bevölkerung, die Hand auf.[9] Der skeptische Oranier Wilhelm III., der nach der Vertreibung des Stuart-Königs Jakob II. in der Glorious Revolution von 1689 König von England wurde, verweigerte sich dem Ritual. Das einzige Mal, als er sich zu einer solchen Berührung herabließ, tat er es mit den Worten: „Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand.“[10][11] Königin Anne nahm das Ritual noch einmal auf, ihr Nachfolger Georg I. (1714–1727) jedoch beendete es endgültig, da er es als „zu katholisch“ empfand.

In Frankreich erfolgte das Heilungsritual durchgehend bis zum Ende des Ancien Régime 1789. Nach der Restauration der Bourbonen im Jahr 1814 verzichtete König Ludwig XVIII. darauf, es zu vollziehen. Zum letzten Mal wurde es 1825 bei der Thronbesteigung seines Bruders und Nachfolgers Karls X. praktiziert.

Literatur

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  • Frank Barlow: The King’s Evil. In: English Historical Review. Band 49, 1980, S. 3–27.
  • Marc Bloch: Die wundertätigen Könige. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44053-3 (erste deutsche Übersetzung des mentalitätsgeschichtlichen Klassikers Les rois thaumaturges von 1924; Besprechung).
  • David C. Douglas: Wilhelm der Eroberer. 2. Auflage. München 1995, ISBN 3-424-01228-9, S. 258 f.
  • Peter Gienow: Die Skrophulose, das vergessene Miasma (= Miasmatische Schriftenreihe. Bd. 9). Peter Irl, Buchendorf 2007, ISBN 3-933666-42-2.
  • Walter Schaich: Die Tuberkulose. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 291 f.
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Wiktionary: Skrofulose – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen

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  1. 1 2 Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Komet, ISBN 3-933366-54-2, S. 101.
  2. Skrofulose, Skrofeln in: Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 13./14. Auflage, 1927
  3. Vgl. auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 397 (scrofa: Geschwulst, angeschwollene Lymphknoten; scrofula Verkleinerungsform zu scrofa).
  4. Lateinisch scrofa bedeutet „Sau“. Vgl. Wildschwein.
  5. Robert Ködel: Begriffserläuterung: Skrofulose. In: Allgemeine Homöopathische Zeitung. 255, 2010, S. 13, doi:10.1055/s-0029-1242580.
  6. Cynthia Resor: What is scrofula? Can it be cured? In: Teaching with Themes. 18. März 2020, abgerufen am 6. November 2020 (amerikanisches Englisch).
  7. Wat is de betekenis van Koningszeer. Abgerufen am 29. Dezember 2020.
  8. Raymon Crawfurd: The King’s Evil. Clarendon, Oxford 1911, S. 82 f.; Stephen Brogan: The Royal Touch as Adapted by James I. In: History Today. Bd. 61, 2011, Nr. 2, S. 46–52.
  9. Ronald G. Asch: Die Stuarts. Geschichte einer Dynastie. Beck, München 2011, S. 77.
  10. Sigmund Freud: Totem und Tabu. In: Fragen der Gesellschaft – Ursprünge der Religion. Studienausgabe. Bd. 9. Frankfurt am Main 1974, S. 334.
  11. James G. Frazer: The Magic Art, and the Evolution of Kings (= The Golden Bough – a Study in Magic and Religion. Bd. 2). 3. Auflage. Mc Millan, London 1911, S. 368–370.